Ida

Ida, Sundance Film Festival 2014Der Film sei “ästhetisch ansprechend” heißt es in der Ankündigung im Kinosaal, unmittelbar vor der Vorführung des Coming-Of-Age-Dramas der etwas anderen Art Ida. Dass der Film auf diesen Aspekt wert legt, zeigten bereits die veröffentlichten Filmstills: atmosphärische Schwarz-Weiß-Bilder, die an Werke des Film Noirs erinnern, nur dass das Verbrechen innerhalb des Films bereits einige Jahre zurück liegt.
In die Bilder fügen sich die ausdrucksstarken Augen der jungen Hauptfigur Anna (Agata Trzebuchowska) passend ein. Diese stechen aus ihrer sonst eher tristen Erscheinung hervor, gehüllt in eine Nonnenkluft in ihrer Rolle als Novizin. Die klare Optik des Films harmoniert mit einer starren Kamera, die in sehr ruhigen, fotografischen Bildern daher kommt.

Ida spielt im winterlichen, kargen Setting eines Polens der frühen 60er Jahre. Die vorherrschende Stimmung dieses Settings spiegelt auch den Eindruck, der von Annas Leben vermittelt wird: emotionslos, von Disziplin und Regeln bestimmt und ohne Lebensfreude. Nach Spuren eines menschlichen Daseins sucht man bei ihr vergebens.

Ida, Sundance Film Festival 2014Anna steht kurz vor der Aufnahme in den katholischen Orden, als ihr der Auftrag durch eine Ordensanhängerin erteilt wird, vor ihrem offiziellen Dasein als Nonne noch einmal Kontakt zu Verwandten aufzunehmen. Anna wurde nämlich im Kloster großgezogen, nachdem sie dort als kleines Kind abgegeben wurde. Die einzige Verbliebene ist ihre Tante Wanda (Agata Kulesza). Von einem ganz anderen Lebensgefühl getragen, lebt sie nach Lust und Leidenschaft – greift hierbei des Öfteren zum Alkohol; als Richterin kann sie sich jedoch vor Strafverfahren wegen Trunkenheit am Steuer verschonen. Ihre Rolle zeigt einige Analogien zu der klassischen Figur der Femme Fatale, nur dass sie in diesem Falle die streng gläubige Anna zu einem sinnlicheren Leben verführen möchte, blickt dabei höhnisch auf ihre religiösen Überzeugungen. Diese Ablehnung der konträren Lebensauffassung gilt aber für beide Seiten – gegenseitig verurteilen sich die Frauen für ihre vorhandenen oder nicht vorhandenen Überzeugungen.
Die Tante stellt also den Gegenpol zu Annas konservativer Lebensauffassung dar, irgendwie scheinen aber sie beide kein erfülltes Leben zu führen, was allerdings auf ihr gemeinsames Schicksal zurückzuführen ist, wie sich später zeigt. Durch das Zusammentreffen mit ihrer Tante erfährt Anna nämlich, dass sie jüdische Wurzeln hat und ihr richtiger Name Ida ist. Als Kind wurde sie in dem Kloster abgegeben, damit sie als einzige aus ihrer verfolgten Familie überleben kann.
Gemeinsam begeben sich die beiden in einer Art Road-Trip auf die Suche nach den letzten Hinweisen ihrer verstorbenen Eltern… Man könnten den Inhalt des Films ab dieser Stelle weiterhin inhaltlich zusammentragen, jedoch ist der Verlauf der Erzählung bereits in den ersten Momenten des Films zu erahnen und zeichnet sich auch bereits in dieser Kritik ab, deshalb erscheint dies irgendwie überflüssig. Natürlich kann eine Filmkritik weitaus mehr leisten als eine inhaltliche Zusammenfassung – sonst hieße es ja Inhaltsangabe. Leider ist aber aus Pawel Pawlikoskis Werk neben seiner interessanten Ästhetik und einiger Zitate des Film Noirs nicht viel mehr zu gewinnen und so ist man schnell dazu verleitet, den Ablauf schlicht wiederzugeben. 
Der einzig interessante inhaltliche Aspekt zeichnet sich dadurch aus, dass sich im Konflikt zwischen den zwei aufeinanderprallenden Lebensstilen die Frage stellt, wer eigentlich der Richter von beiden ist – ob nicht Ida, die ihre Tante zunächst für ihren freizügigen Lebensstil verurteilt, ein viel strengerer ist und ihre Religion bei einer zu engen Interpretation nicht vielmehr Auschlusskriterien aufstellt als alles andere.
Ansonsten sind es die Vorhersehbarkeit und die unspektakuläre Erzählweise, die Ida zu einem mittelmäßigen Film machen. Das vermeintlich überraschende Ende überrascht vermutlich die wenigsten.

Leider ist dieser Film so vorhersehbar und unspektakulär in seiner Erzählweise, dass es sich beinahe kaum lohnt, über ihn zu schreiben. Irgendwie bekommt man den Eindruck, Pawlikowski ruhe sich auf den feinen, samtigen Bildern seines Films aus. Neben einem ganz interessant gezeichneten Charakter (der der Tante, die in ihrer Figur als Richterin ein Ordnungsgefüge symbolisiert und gleichzeitig gegen sämtliche Regeln verstößt und somit einen Widerspruch in sich darstellt), verblasst die Hauptfigur extrem. Der Funke will bei Ida einfach nicht überspringen.

Ida, Polen 2013, 79′
Regie & Drehbuch: Pawel Pawlikowski
Produzent: Eric Abraham
Kamera: Ryszard Lenczewski
Schnitt: Jaroslaw Kaminski
Besetzung: Agata Trzebuchowska, Agata Kulesza, Dawid Ogrodnik
Verleih: Arsenal
Kinostart: 10.04.2014

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