Ich Seh Ich Seh

„Guten Abend, gut’ Nacht, mit Rosen bedacht, mit Näglein besteckt, schlupf unter die Deck: Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.“

In festlicher Tracht gibt die Trapp-Familie mit erhellendem Sopran einen ihrer Klassiker zum Besten. Wolfgang Liebeneiner erzählte in den 1950er-Jahren die Geschichte einer Novizin, die für eine Schar von Kindern, die nicht ihre leiblichen waren, die womöglich vollendetste Mutterfigur der Filmgeschichte verkörpert hat. Kein Wunder also, dass auch das Regie-Duo Veronika Franz und Severin Fiala ihren eigenen Film mit diesen verklärten Bilder einer Heimatharmonie beginnen. Doch in Ich Seh Ich Seh ist das Trappsche Filmmaterial bereits porös geworden, übersät von Bildfehlern, ein Familienideal, an dem die Zeit deutlich ihre Spuren hinterließ. Ein Relikt vergangener Tage, das seine einstige Bedeutung verloren hat.

Ich Seh Ich Seh Kinder

Die Zwillinge Elias und Lukas warten sehnsüchtig auf ihre Mutter, die sich einer Schönheitsoperation unterzogen hat. Nach ihrer Rückkehr erkennen sie diese jedoch nicht mehr wieder: Einerseits zeichnen sich unter dem bandagierten Gesicht diverse Narben und Blutergüsse ab, die in keinster Weise an ihr einstiges natürliches Strahlen erinnern. Simultan zur optischen Wandlung scheint auch das Wesen der Mutter sich verändert zu haben. Anstatt ihre Söhn in den Schlaf zu singen, sperrt sie sie stattdessen in deren Zimmer ein. Aus diesem anfänglichen mütterlichen Psychoterror entwickelt sich dabei Schritt für Schritt ein teils grafischer Identitätshorror in doppelter Hinsicht.

Ich Seh Ich Seh

Von der Festivalmoderation als “Arthouse Horror” angekündigt lassen sich Ich Seh Ich Seh eine Vielzahl von filmhistorischen Referenzen attestieren. Ungeziefer, das aus offenen Wunden krabbelt, Wandtapeten, auf denen sich unzählige Ameisen tummeln und das ikonische Spreizen des Augenlieds erwecken unverkennbar die Assoziationen an Un Chien Andalou (1929) von Luis Buñuel. Leider wird Ich Seh Ich Seh atmosphärisch diesem großen Vorbild nicht gerecht. Zwar zeichnet die neuzeitliche Glasarchitektur in der stark geometrischen Komposition zu der Inneneinreichung, der Jalousie und dem umgebenden Grün eine sehr saubere, reduzierte und wirkungsvolle Variante eines haunted house. Sobald man aber dieses kammerspielartige Gefüge kurzzeitig verlässt und weitere Anwohner innerhalb der Narration in Erscheinung treten, schrumpft die bisher verdichtete Atmosphäre zusammen und kippt derweil in Banalität. Es geht in den besagten Sequenzen nicht über ein vorübergehendes Lösen von Anspannung, sondern er scheint so, als wäre das Regie-Duo einzig darauf erpicht gewesen möglichst provokativ noch die christliche Ikonografie des Kreuzes in ihrem Film zu verankert. Ich Seh Ich Seh, der viele mutige Entscheidungen hinsichtlich der Inszenierung trifft, weshalb sogar Teile des Braunschweiger Publikums vorzeitig aus dem Saal geflüchtet sind, bleibt im dessen Schlussspurt somit doch konventionell. Und am Ende ist es das finale Tableau, welches Wolfgang Liebeneiner hätte nicht besser arrangieren können.

Sektion: Neuer Deutscher Film
Ich Seh Ich Seh, Österreich 2014, 99′
Regie & Drehbuch: Veronika Franz & Severin Fiala
Kamera: Martin Gschlacht
Darsteller: Elias Schwarz, Lukas Schwarz, Susanne Wuest, Michael Thomas
Verleih & Bildrechte: Koch Media

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