Ich, Daniel Blake

Er, Daniel Blake, ist ein bodenständiger Schreiner gehobenen Alters dessen plötzlicher Herzinfarkt nun an seinem finanziellen Standbein sägt. Der verwitwete Arbeiter besitzt zwar ein Herz aus Gold, doch seine Miete kann er damit nicht begleichen. Über diverse bürokratische Irrwege muss er sich auf die Suche nach einer neuen Erwerbstätigkeit begeben, um Sozialhilfe beantragen zu können, gleichwohl er aufgrund seiner Erkrankung gar nicht weiter arbeiten darf. Neben diversen Sachbearbeiterinnen, die ihn von einem Beratungstermin zum nächsten jagen, trifft Blake bei seinen Besuchen in den Verwaltungseinrichtungen auch auf die alleinerziehende junge Mutter Katie mit ihren beiden Kindern Dylan und Daisy und freundet sich mit ihnen an.
In dem neuen Sozialdrama Ich, Daniel Blake, das auf den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme gewann, porträtiert Ken Loach erneut ein britisches Arbeitermilieu im Kampf gegenüber institutioneller Schikane und staatlicher Repression. In vorderster Front kämpft der White Savior Daniel als Galionsfigur eines Proletariats.

Ich, Daniel Blake

Die Sage um diesen Working Class Hero entfaltet sich dabei an einem medienarchäologischen Zeitstrahl entlang: Daniel verzweifelt am Umgang mit dem Computer. Nachdem Verwaltungsanträge nur auf digitalem Wege ausgefüllt und eingereicht werden können, werden für ihn die Scrolling-Funktionen, Timeouts und die Computermaus zu Agenten der Bürokratie. Erst mit der Hilfe der Digital Natives aus seiner Nachbarschaft gelingt ihm die Bändigung der Wundermaschine. Diese Medienverdrossenheit ist nicht nur Charakteristik einer alten Mannes, sondern vielmehr filmisches Primat, da kriminalisierte Handlung in Ich, Daniel Blake eng an Medientechnologien geknüpft werden: Die Medienkompetenz der Digital Natives wird in digitale Schwarzmarktgeschäfte überführt, genauso wie nicht visualisierte Ladendiebstähle an das Videobild einer Überwachungskamera geknüpft bleiben.
Dem gegenüber steht etwa Daniels Kassettenrekorder, den er der kleinen Daisy versucht zu erklären. Über einen Fetisch der Hardware hinausgehend (Daisy drückt zunächst nicht fest genug auf die Tasten), weckt der Kassettenrekorder über das einsetzende Musikstück zudem Erinnerungen an seine verstorbene Frau. Neben diesen nostalgischen und romantisierten Einsatz ist Daniels Mediengebrauch aber auch dezidiert politisch: In der archaischen Schrift findet der „einfache Mann“ das Mittel zu Protest und zur Mobilisierung der Massen. Wenn er nämlich das Verwaltungsgebäude mit seinem Namen und Anliegen beschriftet, schafft er eine Gegenöffentlichkeit und wird zum gefeierten Held der Straße. Unter dem Jubel eines beschwipsten Junggesellinnenabschied, trifft so Kapitalismuskritik auf Bauchladen mit kleinen Schnäpschen.

Ich, Daniel Blake

Parallel zum medialen Zeitstrahl verläuft auch eine geschlechtliche Asymmetrie. Was in dem Film als Sozialidylle und harmonische proletarische Gemeinschaft anmutet, besitzt mindestens ein markantes Gefälle: Unter Berufung auf seine väterliche Autorität und ethische Dogmen wie Ehre und Stolz, ist es Daniel gestattet, Katie Hilfestellungen und Verhaltensregeln aufzuerlegen: Sexarbeit sei für sie keine denkbare Option zum Gelderwerb. Stattdessen sorgt er für Ihre Ernährung, indem er sie zu einer Essensausgabe mitnimmt. Umgekehrt greift diese Logik nicht: Ein Angebot der Mitarbeiterin der Tafel schlägt Daniel aus, die Ratschläge der empathischen Verwaltungsangestellten ignoriert er – mit dem Hinweis auf eben jene hohen Prinzipien von Stolz und Ehre. Den weiblichen Stimmen fehlt es an Gewicht. Sie treffen nur auf die taube Ohren eines Greises.

Der Film stilisiert Daniel Blake zu der einzigen gehaltvollen Stimme. Eine Stimme, die bereits dem filmischen Bild vorausgeht, wie auch das letzte Wort für sich beansprucht. „Der Frau“ wird hier nur als weitere fetischisierte und angestaubte Medientechnik ein Platz eingeräumt: Ein unbeflecktes Sprachrohr, das Daniels Botschaft in die Welt trägt.

Ich, Daniel Blake, Großbritannien 2016, 100′
Regie: Ken Loach
Buch: Paul Laeverty
Kamera: Robbie Ryan
Darsteller: Dave Johns, Hayley Squires, Dylan McKiernan
Verleih & Bild-Rechte: Prokino
Starttermin: 24.11.2016

One Response to “Ich, Daniel Blake”

  1. Jana

    Die Geschlechter-Rollen habe ich tatsächlich eher ausbalanciert wahrgenommen, auch wenn ich vom manchmal ach so hilflosen Daniel nicht so begeistert war.
    Die Szene mit dem Kasettenrekorder ist einer der am schönsten erzählten des Films.

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