Ich bin eine Comicfigur, holt mich hier raus!

the_place_beyond_the_pines02Mehr Gosling als einem lieb ist: In Derek Cianfrances überlangem The Place Beyond the Pines verlaufen sich nicht nur drei Geschichten hoffnungslos im Drehbuchwald, sondern es wird der Gosling zelebriert, als gäbe es kein Morgen mehr. Und wenn seine Rolle irgendwann zur Nebensächlichkeit gerät, dann wird umso mehr klar, an was es dem Film in erster Linie mangelt: An glaubwürdigen Charakteren (mit rühmlicher Ausnahme von Ray Liotta als durchtriebener Arschlochcop) und einer stringenten Erzählweise.

Spätestens mit seiner Verkörperung des namenlosen Drivers in Nicolas Winding Refns Drive setzte Ryan Gosling einen scheinbar neuen Pfeiler der wortkargen Coolness, gleichwohl einer sehr viel glattgebügelteren, als jene, die einst Steve McQueen oder Barry Newman adelte. Refns flirrendes Filmchen schreit jedoch förmlich nach solch einer Persona, deren Künstlichkeit und äußerliche Ausstaffierung Epitome eines Settings sind, welches gleichsam artifiziell gezeichnet ist. Das ist auch der Grund, weshalb der Film so gut funktioniert: Er versucht erst gar nicht, reduziert oder gar bodenständig zu sein. Vielmehr könnte ihm ein gewaltvoller Noir-Comic zum Ursprung liegen. Dessen schweinecooler und emotionsreduzierter Hauptprotagonist trägt eine skorpion-verzierte Jacke, wodurch ein Charakterzug im wahrsten Sinne des Wortes zum Ausdruck kommt: Wer ihm in die Quere kommt, dem winkt der Tod. Und würde es eine Driver Actionfigur geben, käme diese zusätzlich zur Jacke mit Auto, Zahnstocher und Hammer, quasi mit Ausstattungen, die man zur Figur hinzudenken muss.

Article-Header-The-Place-Beyond-the-Pines-Movie-Review 5

Derek Cianfrance, der nach Blue Valentine zum zweiten Mal mit Gosling arbeitete, muss offensichtlich von dessen bleifüßigen Alter Ego schwer begeistert gewesen sein. Wieso sonst hätte er wohl Gosling auf eine Weise in Szene gesetzt, als sei er einem Comicheft aus dem Panel gehüpft – Motorradstuntman hin oder her. An sich wäre das kein Problem, aber die vielen Minuten ohne Gosling als ständig posender, übermäßig schwarzstift-tätowierter Draufgänger, der sein Shirt rebellisch falsch herum trägt, stehen in einem ziemlichen Gegensatz zu den anderen beiden Episoden des Films. Kein Gosling bedeutet nicht nur eine andere Kamera, die plötzlich Gesichter und Körperhaltungen weit weniger liebkost, sondern gar ein anderer Stil, ein unausgeschmückteres Zeigen von Menschen in prekären Situationen. Spätesten hier merkt man ganz deutlich, dass Cianfrance nicht so recht wusste, was er eigentlich will, womit sich auch die Rolle der Frauen im Film erklären lässt. Denn die haben zwar nichts weiter zu sagen, dafür umso mehr zu weinen, wenn sie nicht gerade völlig irrational agieren oder eine Männerrunde mit ihrem klischeedurchsetzten Genörgel nerven.

place_beyond_the_pines_6-620x435

Dabei hätte die Geschichte an sich Potential gehabt. Es geht um Schicksale, die Eltern an ihre Kinder zwangsvermachen, um soziale Ungleichstellungen, die unumstößlich sind und generell um die Verbundenheit der Dinge, verpackt in einem Drama, das sich um die generationsübergreifenden Auswirkungen eines veheerenden Zusammentreffens zwischen notgedrungem Kriminellen (Gosling) und übermotoviertem Polizisten (Bradley Cooper) dreht. Diegetisch betrachtet macht ein Quasi-Episodenfilm demnach Sinn, wenn nur die einzelnen Teile sich ebenbürtig wären, was hier leider nicht der Fall ist. So kann auch ein durchaus spannender Mittelteil das zerfahrene Gesamtbild nicht retten, zumal vor allem der wichtige dritte Akt zu schnell und sprunghaft erzählt wird und prinzipiell ein narratives wie auch formelles Ungleichgewicht herrscht.

The Place Beyond the Pines, USA 2012, 140′
Regie und Drehbuch: Derek Cianfrance
Kamera: Sean Bobbitt
Darsteller: Ryan Gosling, Bradley Cooper, Eva Mendes, Rose Byrne, Ray Liotta
Verleih: StudioCanal
Kinostart: 13.06.2013

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>