I Killed My Mother

Filmfest Braunschweig
J’ai tué ma mère / Regie: Xavier Dolan / Kanada 2009 / 96′

Hubert: “What would you do if I died today?”
Chantale: “I’d die tomorrow.”

Hubert ist 16. Ein Alter, in dem die meisten nicht mit ihren Eltern klar kommen. Bei ihm ist das nicht anders, er hasst seine Mutter Chantale. Naja, was heißt hassen? Er sagt vielmehr, die beiden seien nicht füreinander geschaffen, sie verstehen sich einfach nicht. Wenn er seine Mutter ansieht, sieht er nur die Krümel, die in ihren Mundwinkeln hängenbleiben; die viel zu bunten, hässlichen Kleider, die sie trägt; ihren kitschigen Dekokram; ein Stück weit ekelt sie ihn irgendwie an. Als es in der Schule darum geht, den Beruf eines Elternteils vorzustellen, fragt Hubert seine Lehrerin, ob er nicht auch den Beruf seiner Tante nehmen könnte. Weil seine Eltern sich schon vor Jahren getrennt haben, sehe er seinen Vater so gut wie nie und seine Mutter sei tot. Natürlich ist sie das nicht… aber man kanns ja mal versuchen.

Die meiste Zeit streiten sich die beiden, sei es darüber, ob im Auto Nachrichten gehört werden oder Musik läuft oder ob Hubert sich eine eigene Wohnung suchen kann, um den Konflikten mit seiner Mutter zu entfliehen. Man kennt solche Situationen. Genauso wie die typischen erzwungenen Gespräche am Essenstisch: “Wie wars in der Schule?” “Normal” “Wie normal? Erzähl doch mal mehr! Du erzählst ja nie was. Und interessiert es dich gar nicht wies bei mir war?” Und so geht das dann ewig weiter, bis beide sich nur noch anschreien und der Sohn genervt in sein Zimmer geht. (Dieser Dialog kommt so oder so ähnlich im Film vor, er könnte aber auch genauso gut meinen eigenen Erinnerungen an Gespräche dieser Art entstammen…)
Zwischen all den lauten Momenten der turbulenten Beziehung gibt es aber auch die leiseren, in denen sich beide dann doch sagen, dass sie sich eigentlich lieben. Es ist ein schwieriges Verhältnis, das sie zueinander haben. Immer schwankend zwischen den beiden Extremen Liebe und Hass. Sie sind zu verschieden, um “normal” miteinander zu reden. Gleichzeitig haben sie eine zu starke Verbindung, als dass ihnen der andere völlig egal sein könnte. Obwohl sich die Geschichte eher um den Sohn dreht und meist aus seiner Sicht erzählt, wird auch die Seite der Mutter als eigenständige gezeigt. Das Resultat ist, dass man Huberts Genervtheit zwar oft nachempfinden kann und seine Mutter stellenweise unerträglich findet, gleichzeitig hat man aber auch manchmal Verständnis für die Mutter, wenn ihr Sohn mal wieder den Egoist raushängen lässt. Und dann erkennt man, dass man einige Situationen nicht nur von der eigenen Mutter kennt, sondern auch von sich selbst. Der Film bringt dich ganz unbewusst dazu, dein eigenes Verhalten zu reflektieren, egal ob du nun Mutter oder Sohn/Tochter bist.

Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller Xavier Dolan war gerade mal 19 Jahre alt, als er diesen teils autobiografischen Film drehte. Das Drehbuch schrieb er bereits mit 17. Vielleicht ist “I Killed My Mother” genau deshalb so aufrichtig und authentisch. Dolan ist herausragend als wütender, genervter, gleichzeitig sensibler und manchmal etwas zu ehrlicher Teenager, der schon immer ein bisschen anders war als der Rest. Aber auch die restlichen Darsteller, allen voran Anne Dorval als Chantale, überzeugen voll und ganz. Hinzu kommen einige interessante Einfälle, die die Inszenierung abwechslungsreich machen. Neben der geradlinigen Erzählung der Haupthandlung sind immer wieder Stücke dazwischen geschnitten, in denen sich Hubert selbst filmt und über die Beziehung zu seiner Mutter spricht. Eine Art Video-Tagebuch, könnte man sagen. Einige weitere ästhetische Einfälle wie das Hinzufügen von Schrift ins Bild oder eher surreale Bilder, die nicht zur Handlung gehören, runden das Gesamtkunstwerk ab.

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