I Am Lying Now

Eine liebliche Stimme singt ein Schlaflied über drei blinde Mäuschen. Ein Publikum beobachtet durch eine Glasscheibe drei Stars aus Film und Musik. Diese geben Intimstes preis und verraten ihre größten Geheimnisse. Geduldig, aber streng hört sich die undurchschaubare Kai die Geständnisse an. Dann wird per Voting abgestimmt – wer hat wohl gelogen? Wer konnte Kai überzeugen?

Eine bizarre Show zwischen Seelenstriptease, Skandallust und Beichtstuhl scheint für drei Prominente der letzte Ausweg aus der Arbeitslosigkeit und Geldnot. Allerdings scheinen sie kläglich zu scheitern, niemandes Geschichte wird geglaubt. Verzweiflung macht sich bei allen breit – was tun? Der unbedingte Wunsch, Kai und das Publikum zu überzeugen, treibt alle drei Protagonist*innen immer weiter an. Zweifel, Eifersucht und Betrug treiben einen Keil zwischen sie alle, das Vertrauen zueinander ist zerstört. Doch auch die Zuschauer*innen merken, dass sie niemandem vertrauen können. Weder den Charakteren auf der Leinwand, noch den eigenen Augen.

Jeder neue Blickwinkel auf einzelne Szenen verdeutlich immer wieder, dass nichts so ist, wie es auf den ersten – und auch auf den zweiten – Blick scheint. Mehrere Plot-Twists drehen die Handlung immer wieder in eine neue Richtung, die alles davor gewesene in Frage stellen. Optische Täuschungen und Kameraeinstellungen spielen geschickt mit Blickwinkeln und dem, was eigentlich zu erwarten wäre – aber doch nicht eintritt. Prawda – Wahrheit. Immer wieder spricht ein als Auge geschminkter Mund das Schlagwort des Filmes aus. Aber was ist die Wahrheit? Woran ist sie zu erkennen?

I Am Lying Now zeigt eine bemerkenswerte Welt zwischen Nostalgie und Futurismus, die 1970iger werden mit den 2010er Jahren vermengt, sodass es kaum möglich ist, Ort und Zeit zu bestimmen. Die eindeutigen Referenzen an Kubrick sind sicherlich kein Zufall, vor allem 2001 und A Clockwork Orange scheinen für die Sets mehr als einmal Pate gestanden zu haben. Gerade diese ganz eigene Welt mit ihrer speziellen Ästhetik macht die größte Stärke dieses Filmes aus und trägt ihn auch in jenen Momenten, in denen die Handlung etwas dünner wird. Streckenweise macht sich eine gewisse Langatmigkeit breit, die vor allem dadurch entsteht, dass manche Szenen mindestens bis zu drei Mal wiederholt werden; zwar machen die mehrmaligen Wiederholungen Sinn, schließlich verändert sich durch den Kontext jedes Mal die Bedeutung der Geschehnisse. Dennoch bleibt eine gewisse Ermüdung nicht aus.

Auch die stets präsente Nacktheit der weiblichen Charaktere sorgt schnell für eine Übersättigung und wirkt mitunter deplatziert. Doch ein genauerer Blick auf diese Szenen entlarvt sie vor allem im Rückblick als eiskaltes Kalkül, um die Erwartungen der Zuschauer*innen zu bedienen und gleichzeitig vorzuführen. Nacktheit, Skandale und Lügen verkaufen sich nicht nur in der realen Welt, sondern auch in I Am Lying Now.

I Am Lying Now ist eine manchmal gar bitterböse Mediensatire, die die Sensationslust eines Publikums gerne bedient und gleichzeitig unterwandert. Das unkonventionelle Filmset und die teils genialen Kostüme passen ideal zur ungewöhnlich erzählten Handlung und ergibt zusammen mit dem elektronischen Synthie-Soundtrack ein stimmiges, ästhetisches Konzept, auch wenn der medienkritische Ansatz, der die Schaulust an Skandalen thematisiert, nicht mehr ganz neu ist.

I Am Lying Now ist auf dem Internationalen Filmfest am 19.11. um 21:14 Uhr, am 21.11. um 16:45 Uhr und am 23.11. um 19 Uhr zu sehen.

Sprache: Polnisch
Untertitel: Deutsch
Regie: Paweł Borowski
Buch: Paweł Borowski
Kamera: Arkadiusz Tomiak
Schnitt: Mieneke Kramer
Musik: Adam Burzynski
Mit: Maja Ostaszewska, Paulina Walendziak, Rafal Mackowiak, Agata Buzek, Joanna Kulig
Produktion: Lukasz Dzieciol, Piotr Dzieciol, Philip Harthoorn, Sander Verdonk
Produktionsfirma: Opus Film
Verleih: Global Screen GmbH
110 Min, Farbe, DCP

 

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