Homo Sapiens

Homo Sapiens heißt der neue Film von Nikolaus Geyrhalter und zeigt uns Menschlichkeit, die ganz ohne Menschen auskommt. Die einfache Struktur, die einen statischen Ausschnitt aus scheinbar aufwendig recherchierten Schauplätzen jeweils einige Sekunden zeigt bevor ein harter Schnitt zum nächsten wechselt, bietet uns ein Bild menschlicher Einschreibungen auf die weltliche Oberflächenstruktur. Leere, sich im Zerfall befindliche oder teils vermutlich von Menschenhand verwüstete Architekturen jeglicher Art füllen das Bild. Vom verlassenen Krankenhaus, Gefängnis oder stillgelegten Kernkraftwerk reicht es hin bis zur menschenleeren Schule, stillgelegter Bahnhöfe und Kino- oder Theaterräume.

Die ohne Dialog oder akustischer Narration auskommenden Bilder lassen uns lediglich eine von einem natürlichen Außen eindringende Geräuschkulisse lauschen, die Assoziationen von der Idylle bis zur Gefahr erzeugt. In der Aneinanderreihung verschiedenster Schauplätze entsteht ein wundersamer Exotismus gepaart mit einem mahnenden Weckruf über fast postapokalyptischer, aber zumindest das Opfer einer Katastrophe abgebenden Einrichtungen, oder eben was davon noch übrig ist. Die Geschichten erzählen sich in ihrer Ungewissheit dabei fast schon selbst. Fantasien von plötzlichen Naturkatastrophen gefolgt von abrupt fliehenden Menschen oder von ehemaligen Kriegsgeschehen erfüllen die Kulissen mit Leben, doch eine Enthüllung des Geschehenen ist nirgends zu erwarten und es bleiben die durch die Überbleibsel kultureller Produktion evozierten Vermutungen. Dabei werden die einzigen Rührungen in den herumliegenden Objekten in der sonstigen Bewegungsarmut durch Wind und Wetter erzeugt als die Gegner von Überdauerbarkeit. Sie zeigen durch ihre kleinen Gesten, indem sie Buchseiten umblättern, Staub aufwirbeln, Nässe in die Materialien bringen oder Wand und Decke braun-grünlich färben, ihre brutale, wenn auch langwierige Kraft zur Veränderung. Die für Langlebigkeit erbauten Strukturen werden langsam von einer akustischen und materiellen Macht von außen übermannt, während verschiedene Verfallzuständige dokumentiert werden. Auch zeigen sich Betonkolosse wie Kraftwerke oder antik wirkende Tresore als hartnäckige Gegner, die dem äußerlichen Einfluss mit Ruhe und fester, kaum angegriffener Substanz trotzen. Andere Räume hingegen schmücken sich mit zarten Polstern, schwachen Deckenbekleidungen oder hölzernen Fenstern, die der Witterung freien Lauf lassen. Ein dramatischer, fast klischierter Kampf zwischen Natur und Kultur entsteht.

Gnädigerweise hüpft auch mal ein Frosch über den Boden oder ein Paar Tauben verirren sich in die unwirtlichen, leeren Betonhallen alter Fabriken, um sich kurz darauf wieder den Weg in die Freiheit zu bahnen. Die für das Leben geschaffene Räume bieten plötzlich eine gegenteilige, nicht betretenswerte Bühne. Vergehendes Plastik, Metall oder Beton sind dem Leben fremd, bieten ihm keinen Nutzen und avancieren deshalb nicht erneut zum Lebensraum, dem sie einmal als seine Grundpfeiler dienten. Schnell kommt die Frage auf, warum in geographisch kaum bestimmbaren, da so unterschiedlichen Orten kein Leben herrscht und wohin das ehemalige Leben ging, welches nun so fremd vor sich selbst erscheint. Auch die Widernatürlichkeit menschlicher Produktion geht zum Angriff über, füllt Gebirgshöhlen und -seen mit Autowracks, Wälder mit Gasmasken und Kriegsmaschinerie oder überflutet Wiesen mit Müllsäcken. Vielleicht ist die vermeintlich zu beschützende Kultur repräsentiert durch Architektur in Wirklichkeit der Aggressor gegen die sich abzuschirmende Natur oder ultimativ gar sich selbst. Aber zwei Dinge scheinen unvermeidlich: Der schleichende Sieg und Einzug von Natur über und in Architektur sowie der Fortlauf der Geschichte und Bewegung, auch ohne den Menschen.

31. Filmfest Braunschweig, Sektion: Neue Deutsche Filme 

Homo Sapiens, Österreich 2016, 94 Min.

Regie, Drehbuch & Kamera: Nikolaus Geyrhalter

Darsteller: /

Verleih: NGF – Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH

Weitere Vorführungen:

22.10.2017, 19:15 Uhr, Universum Filmtheater

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