Herr von Bohlen (DOK Leipzig)

Von Thomas Starte

Muss eine Dokumentation immer das wirklich dagewesene abbilden? Verändert nicht schon die Anwesenheit einer Kamera die Realität und die Verhaltensweisen der Menschen vor ihr? Kann es eine objektive Darstellung einer Situation geben, wenn sie doch durch den subjektiven Schnitt des Regisseurs gestaltet wird, von dessen Musikwünschen untermalt und anderweitige Gestaltungen durchläuft? Wie viel Unterhaltung und Fiktion enthält eine Dokumentation? Von diesen Fragen scheint Herr von Bohlen vom deutschen Regisseur André Schäfer zu handeln.

Weder Dokumentation noch Spielfilm, ist dieser Film vielmehr eine Inszenierung über einen Mann, der sich stets selbst durch seine Exzentrik auszeichnete und sich selbst zu inszenieren verstand. Der, trotz seines Verzichts auf ein Erbe von geschätzten 3,5 Milliarden Mark, stets als „Deutschlands reichster Frührentner“ geltende letzte Spross der Krupp-Dynastie Arndt von Bohlen und Halbach war eine Person, die die Öffentlichkeit polarisierte und bis zu seinem Tod 1986 als Spott-Objekt der deutschen Boulevard Presse herhalten musste.Dieser bis heute von vielen belächelte Mann wird im Film portraitiert, dabei wechseln sich Archivaufnahmen und Interviews mit Freunden und Bekannten ab. Der ungewöhnlichste und herausragendste Aspekt des Films sind jedoch die Szenen, in denen Arnd Klawitter den Arndt von Bohlen spielt und sich vom Kamerateam interviewen lässt. Dabei handelt es sich bei dem Gesagten keinesfalls um Zitate Arndt von Bohlens sondern um improvisierte Aussagen, die der Schauspieler, ganz in seiner Rolle dem Portraitierten andichtet.

So gelingt Schäfer ein unterhaltsames Doku-Drama, dessen exzentrische Machart seinem Objekt gerecht wird. Ein bisschen Witz, ein bisschen Drama und dunkle Familiengeheimnisse wechseln sich ab und sind dabei stets von reichlich Exzentrik unterlegt, die dem Playboy von Bohlen mehr als gerecht wird. Und so erhält der Zuschauer einmal einen gänzlich anderen Blick auf den „reichen Frührentner“ abseits der zu seinen Lebzeiten üblichen Boulevardartikel über seinen angeblichen Reichtum und Skandale, die sein Leben begleiteten.

Sektion: Deutscher Wettbewerb
Deutschland 2015, 90’
R: André Schäfer
Verleih: Salzgeber & Company Medien
Starttermin: 19. November 2015

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