Herbert

Mickey Rourke aus Leipzig ist die erste Assoziation, wenn Peter Kurth zu Beginn des Films dicht gefolgt von der Kamera durch die engen Gänge eines Nachtclubs streift. Wie in dem Film The Wrestler von Darren Aronofsky ist auch in Herbert der alternde Körper eines Kampfsportlers der eigentliche Protagonist, da er vom Erfolg der vergangenen Zeit erzählt und so die gesellschaftliche Stellung der Charaktere aufrecht erhält.herbert1Der „Stolz von Leipzig“ wurde Herbert (Peter Kurth) früher genannt, als er als aktiver Boxer noch erfolgreich war. Dieser Name hilft ihm nun, um sich mit Gelegenheitsjobs als Geldeintreiber und Türsteher über Wasser zu halten. Wenn er nicht arbeitet, trainiert er den aufstrebenden Boxer Eddy, in dem er sich in jugendlichen Jahren sieht. Herbert klammert sich an seine Vergangenheit, wovon gegenwärtig nur noch die Trophäen in seiner Wohnung und sein tättowierter Oberkörper erzählen. All das ändert sich jedoch schlagartig mit einem Zittern in der rechten Hand und der ärztlichen Diagnose der Muskelschwund-Krankheit ALS. Zunehmend verliert er die Kontrolle über seinen Körper und damit auch über sein Leben. Seine vermeintlichen Freunde wenden sich plötzlich von ihm ab, da sie keine Verwendung mehr für ihn haben. So muss er seinen Job als Türsteher und Trainer seines Schützlings Eddy aufgeben, wodurch die Säulen seines Lebens zu bröckeln anfangen.
Als Zuschauer begleiten wir Herbert bei dem Verfall seines Körpers und seinem letzten Kampf, die früher begangenen Fehler wieder gut zu machen. Zum ersten Mal in seinem Leben beginnt er, sich auf das Fundament seines Daseins zu konzentrieren und die wirklich wichtigen Menschen in seinem Umfeld zu beachten. Gleichermaßen versucht er, mit der Liebe seiner Freundin respektvoll umzugehen und den Kontakt zu seiner Tochter und seinem Enkel zu suchen, für die er sich seit vielen Jahren nicht interessiert hat. Der stetige Verfall seiner Muskeln treibt ihn mehr und mehr in die Abhängigkeit anderer und so beginnt er, sich von seinem verbitterten Egoismus abzukehren und die Gegenwart um ihn herum wahrzunehmen.Herbert2Das Langfilmdebut von Regisseur Thomas Stuber ist eine Charakterstudie einer Milieufigur unter dessen hartem Äußeren ein weicher Kern steckt, was sich nicht nur in Herberts Fürsorge um sein Aquarium äußert. Melancholisch sitzt Herbert in seinem Rollstuhl im Garten und schaut in die Sonne, dessen Strahlen sich im Objektiv der Kamera brechen und das symbolisieren, was er in seiner Zukunft noch vor hatte, aber nicht erreichen konnte – ein Motorradtrip auf der Route 66 mit seinem besten Kumpel Specht (Reiner Schöne). Es ist ein nachdenklicher Film über das Leben, das viel zu schnell enden kann, ohne dabei den Anspruch zu haben, allgemeingültige Aussagen treffen zu wollen. Ebenso wenig wird das rüpelhafte Verhalten des Charakters kritisiert, sondern lediglich seine Einsicht dokumentiert, mehr auf sein Umfeld achten zu müssen. Unterstützt wird diese Erzählung durch eine nahezu durchgängige Handkameraarbeit, die durch schnelle und ruckartige Bewegungen gleichermaßen die Vitalität des Lebens sowie den Zerfall des Körpers einfängt. Die Dramaturgie der Narration geht damit eine Synergie mit der formalen Struktur ein, wodurch Herbert metaphorisch mehr bereithält, als bloß ein weitere Geschichte zu erzählen, die von einem alternden Sportler handelt, der mit seiner Situation zu kämpfen hat.

Herbert, D 2015, 109′
Regie: Thomas Stuber
Drehbuch: Clemens Meyer, Thomas Stuber
Kamera: Peter Matjasko
Darsteller: Peter Kurth, Reiner Schöne, Lena Lauzemis
Verleih und Bildrechte: Wild Bunch
Starttermin: 17.3.2016

2 Responses to “Herbert”

  1. Stepnwolf

    Klingt nach schwerer Kost. Aber ich mag ja deutsche Filme, insbesondere aus dieser Abteilung. Steht somit auf jeden Fall auf meiner Merkliste.

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