Havarie

Sektion: Forum / Regie: Philip Scheffner / D 2016

Havarie

Auf der Ebene der Bilder macht Havarie alles richtig. Am 14.9.2012 trifft das Kreuzfahrtschiff Adventure of the Seas mitten im Mittelmeer auf ein kleines Flüchtlingsboot. Es hält an und wartet ungefähr neunzig Minuten auf Hilfe. Während dieser Zeit hat Terry Diamond, ein Passagier auf dem Kreuzfahrtschiff, ein dreiminütiges Video von dieser Begegnung aufgenommen und später online gestellt. Philip Scheffner, Regisseur von Havarie, hat diesen Clip auf neunzig Minuten gedehnt, so dass ein Frame nun eine Sekunde dauert und der Clip nun fast genau die Zeit einnimmt, die diese Begegnung auch gedauert hat. Richtig ist dieses Vorgehen, weil wichtiger als die Produktion neuer Bilder dieser leider immer noch alltäglichen Begebenheiten vom Standpunkt der Nicht-Betroffenen aus (das sind wird, wir sind nicht betroffen, wie sind nur der Zielort), ist der Umgang mit den bereits vorhandenen Bildern. Dies kann darin bestehen, die Zeugnisse, die man auf YouTube bereits findet, aus ihrem Kontext zu lösen, um sie in neue Verhältnisse und Zusammenhänge zu stellen, sie somit neu zu befragen. Die Verlangsamung, die Positionierung auf einer Kinoleinwand verändert diese Bilder und so auch unseren Umgang damit und setzt eine Diskursivierung und Gang, die gerade bei diesem Thema dringend nötig ist.
Man kann diese Verschiebungen am Material und an sich selbst schon während der neunzig Minuten vonHavarie beobachten. Auf der Tonebene hören wir verschiedene Tonfragmente und Interviews, die alle um dieses Ereignis der Begegnung kreisen. Je nach Beziehung zum Bild verändern sie dieses auch. Die Auszüge aus dem Funkverkehr, der während des Wartens geführt wurde, positioniert das Boot im Zentrum einer routinierten Aktion, während die Tonspur des Harraga-Clips, der auf der Fahrt des Flüchtlingsbootes aufgenommen wurde, die kleinen Silhouetten der 13 Personen auf dem Schlauchboot stark subjektiviert. Die nachgelagerten Interviews tun das auch, wenn beispielsweise die Frau von einem der Flüchtenden spricht. Aber da hier neue Perspektiven produziert werden, entstehen auch Probleme. Ein großer Teil der Interviews verdoppelt die visuelle Ebene (Diamond, Angestellte vom Kreuzfahrtschiff, von einem Cargo-Schiff); dadurch wird das Flüchtlingsboot zu einem Objekt, teilweise sogar zur Nebensache angesichts der geäußerten Befindlichkeiten. Scheffner hatte sich dagegen entschieden, die Bilder der Interviews zu benutzen, da er befürchtete, dass sie neben dem Originalmaterial nicht bestehen könnten. Dass dieses Problem natürlich nicht beseitigt wird, nur weil man die Bilder weglässt, die Tonspur (und damit auch die Perspektive) aber beibehält, wird hier (überaus) deutlich.
In der Mitte des Films jedoch gibt es eine Stelle, an der zu erkennen ist, wie gut Scheffners Strategie bezüglich Bild und Ton tatsächlich funktioniert: Diamond zoomt von dem Boot zurück, lässt es kleiner werden und schwenkt dann nach rechts. Hier sieht man zum ersten Mal, von welchem Standpunkt aus der Clip aufgenommen wurde, wenn die Reling des Kreuzfahrtschiffes mit den Touristen, die die Szene ebenfalls beobachten, ins Bild kommt. Auf der Tonspur wird ein Musikstück, dass von einer Band des Schiffes gespielt wurde und im Hintergrund eines der Tonfragmente zu hören war, in dem Moment, in dem der Luxusliner zum ersten Mal ins Bild kommt, in die erste Ebene geschoben, d.h. wird laut und auf die Stereolautsprecher verteilt. Somit wird nicht nur im Bild sondern auch auf der Tonspur eine Grenzmarkierung eingezogen, die unmissverständlich noch einmal verdeutlicht, dass die beiden Gründe für das Aufeinandertreffen an dieser Stelle grundverschieden sind.
Dann schwenkt die Kamera um 180° in die andere Richtung, und zeigt die andere Seite des Schiffes. Dabei filmt Diamond gegen die Sonne, es entstehen vertikale Lens Flares, die das Bild visuell unterteilen, eine sichtbare Grenze einziehen zwischen Sehenden und Betrachteten. Für einen kurzen Moment, der in der Verlangsamung sehr viel besser zu erkennen ist, bricht das Bild daraufhin kurz zusammen, als ob dieser Kontrast der beiden anwesenden Gruppen einfach nicht einzufangen ist. Havarie ist auch der Versuch, diese unterschiedlichen Positionen zusammen ins Gespräch zu bringen.

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