Goodbye to Stereotypistan

Filmkritik zu Welcome to Karastan

Für viele angehende Filmemacher müsste Emil Forester eigentlich ein erfolgreiches Vorbild darstellen: er hat einen Kurzfilm-Oscar gewonnen und konnte mehrere längere Autorenfilme realisieren. Momentan läuft es zwar nicht so gut, aber er kann sich immerhin mit einigen Werbejobs über Wasser halten. Und nun widmet ihm das größte Filmfestival in Karastan eine eigene Retrospektive. Warum sie das machen, wird ihm allerdings nicht so ganz klar. Das Publikum steht eher auf den ebenfalls anwesenden Actionstar Xan Butler, und bei einigen Vorstellungen hat es den Anschein, als wären die Besucher zwangsverpflichtet worden. Karastan ist, wie man bei diesem erfundenen Ländernamen auch gleich annehmen soll, keine Demokratie und wird von einem selbstherrlichen Despoten regiert. Dieser hat Forester und Butler auch nur einfliegen lassen, um mit ihnen die Geschichte seines Landes als Heldenepos zu inszenieren. Nach kurzem Hin-und-Her nehmen beide an, wobei in der Folge Filmemacher-Jokes über Sets ohne ausreichende Ausstattung und die immer wieder aufbrechenden moralischen Skrupel sich die Waage halten.

Der Film bietet sich für ein paar Lacher an, so gut man das nach Filmen über fiktive Autokratien aus der ehemaligen Sowjetunion à la Borat und zig Filmen über das Filmemachen eben noch machen kann. Das alles müsste man nicht weiter besprechen, würde der Film nicht ein tatsächliches Problem ansprechen: dass Promis sich ihre Auftritte von Diktatoren bezahlen lassen: Kanye West sang auf der Hochzeit des Enkels des Kasachischen Präsidenten und Vanessa Mae geigte für die Oligarchie in Kasachstan, Jennifer Lopez sang für den Regierungschef von Turkmenistan und Saadi Gaddafi versuchte sich als Produzent von Independent-Hits in Hollywood. Diesem Problem wird der Film mit der Fokussierung auf den Regisseur nicht gerecht. Vielmehr zieht er seinen “Humor” immer wieder aus den kulturellen Unterschieden, Sprachfehlern und einfachen Lebensverhältnissen. Die persönliche Suche nach der richtigen Entscheidung des Regisseurs ist ebenso Nebengeschichte wie die Liebe zur Assistentin des Präsidenten oder die Rebellion im Land. Den einzig richtigen Film zum Thema (auch eine Komödie) wäre der aus der Perspektive des Diktators: wie sie überlegen, welchen Idioten sie wieder einladen könnten, wie sie deren moralischen Diskussionen verfolgen, wie sie ihre persönlichen Stars halten. Und wie sie sich über die scheinheiligen Entschuldigungen der Promis amüsieren, wenn die westliche Presse von den Einladungen erfährt.

Welcome to Karastan, D/GB/Georgien/F 2014, 96′
R: Ben Hopkins
mit Matthew Macfadyen, MyAnna Buring, Noah Taylor
Verleih: Piffl, Kinostart: 21.5.2015

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