Golden Exits

Sektion: Forum / R: Alex Ross Perry / USA 2017

Naomi kommt aus Australien und steht auf jocks, die Cricket spielen. An Surfern ist sie hingegen nicht interessiert – am archivarischen Arbeiten noch weniger. Trotzdem beginnt sie eine Assistenztätigkeit beim New Yorker Archivar Nick, der mit vollstem Enthusiasmus und bürokratischer Leidenschaft die Hinterlassenschaften seines Schwiegervater katalogisiert. Das Archiv ist genau jene Logik, die Alex Ross Perrys neusten Film Golden Exits antreibt.
Einerseits geht es ihm um Konservierung: Perry versucht einen spezifischen amerikanischen Zeitgeist, einen Esprit und joie de vivre (oder hier auch ein memento mori) seiner Figuren mit Samthandschuhen zu greifen, in transparente Folie zu fassen und dem Publikum erfahrbar zu machen. Das Drehen auf 16mm Zelluloid, der Gebrauch von stilisierten Typografien und das urbane lichtdurchflutete Setting sind ihm dabei dienliches Mittel zum Zweck.

Doch das Archiv beschreibt nicht nur eine institutionalisierte Form der Sammlung, sondern damit geht auch eine Regelwerk einher, welches festlegt, wer überhaupt zu Wort kommen kann und was artikuliert werden darf. Beides ist bei Alex Ross Perry klar bestimmbar: Es sind weiße New Yorker der gehobenen Mittelschicht, die sich auf einer Identitätssuche befinden und sich mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert sehen, und deren Aussagen von Selbstmitleid bis zu küchenpsychologischen Gesellschaftsdiagnosen reichen. Ihre Worthülsen wirken dabei ähnlich willkürlich wie Perrys Unterteilung des Geschehens in einzelne Daten. Während seine Figuren im neoliberalen Regime ins Schwimmen geraten sind, greift der Regisseur mit organisierender Hand ein: Die Location shootings kartografieren eine geografisches Ordnungssystem, aus dem heraus eindeutige Figurenkonstellation gesponnen werden. Ihre Beziehungen sind klar definiert. Wer begegnet wem und wer trifft nie aufeinander.

Begreift man das Archiv als ein solches Diskursgesetz, stellt es jedoch auch den Blick auf das Ausgesparte frei: Hinter all der filmischen Geschwätzigkeit, die scheinbar sämtliche verstohlene Blicke zur Diskussion stellt, bleibt eine Begehrensökonomie als unterhinterfragte Prämisse intakt. Die loliteske Naomi wird zum Auslöser von Beziehungskonflikten indem sie die Begierde ihres männlichen Umfeldes weckt, die immer wieder (mit peinlichem Brillengestell) ins filmische Bild gesetzt wird. Ausgespart und trotzdem für das Gelingen der Konfliktsituation vorausgesetzt wird aber ein Begehren ihrerseits an diesen Männern, die allesamt aber alles andere als Cricket-jocks sind.

Die Besonderheit des Archivs ist, dass es sich selbst denken muss. Es operiert mit Materialien, nicht mit Dokumenten wie Nick eindringlich betont, sodass der Status der archivarischen Subjekte und Objekte zu bestimmen sei. Perry denkt jedoch nur bis zur plakativen Selbstreferenz. Wenn Naomi sich mehr Filme über ordinary people doing ordinary stuff wünscht, dann lässt Alex Ross Perry damit deutlich werden, das er gerade diese Art von Filmen macht. In seinem Sammeln von auratischen, “wahren” New York-Momenten verliert Golden Exits dabei den Blick für die Privilegien und Zugänge, die dem Archivarischen vorausgehen.

Weitere Screenings während der Berlinale: 16.02 und 18.02

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