Glory

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Tsanko ist einfacher Angestellter bei der bulgarischen Bahngesellschaft. Bei der Arbeit findet er entlang der Gleise eine große Summe Bargeld und meldet den Fund trotz großer Versuchung seinen Vorgesetzten. Die noble Geste wird ihm zum Verhängnis, als die PR Chefin des Staatsbetriebs eine Chance wittert mit seiner Geschichte von einem Korruptionsskandal abzulenken. Tsanko wird zum Bauernopfer eines Machtkampfes innerhalb einer gesellschaftlichen Elite, die Wahrheit dem individuellen Erfolg unterordnet.

Die Charakterdarstellung in Glory lässt wenig Raum für Interpretationen: Tsanko, der zottelige, mit einem schweren Sprachfehler geplagte und in offensichtlicher Armut und Einsamkeit lebende „Held“ der Erzählung, wird so arglos porträtiert, dass er unschwer als der einzige integere Charakter zu identifizieren. So lässt man ihn beispielsweise in regelmäßigen Abständen Kaninchen streicheln um seine Gutmütigkeit hervorzuheben. Seine sentimentale Verbundenheit mit verlorenen traditionellen Werten symbolisiert eine alte Uhr, die ihm sein Vater vermacht hat und die er täglich in einem morgendlichen Ritual neu einstellt und aufzieht. Im Gegensatz zu Tsankos aus der Zeit gefallenen Harmlosigkeit wird die Antagonistin Julia als unausstehliche Karrierefrau dargestellt. Ihre Gefühlskälte wird anhand ihrer Beziehung zu einem Mann verhandelt, der als letzter verbleibender Anker zum Bereich des Privaten im Kampf um die Aufmerksamkeit seiner Partnerin in Konkurrenz zu ihrem Job ständig den Kürzeren zieht. Das moderne Frauenbild wird hier zum Inbegriff der Entfremdung im Spätkapitalismus. Wirklich problematisch aber ist, dass ihre Menschlichkeit in der Geschichte zum engsten an Ihre Reproduktionsfähigkeiten geknüpft sind. So lernt man Julia als Zuschauer im ärztlichen Behandlungsraum kennen, wo sie dabei ist ihre Eizellen für eine spätere Schwangerschaft einzufrieren. Während ihr Mann ihr permanent hinterher rennt um die regelmäßigen Hormoninjektionen sicherzustellen, weigert sich Julia latent ihrer Rolle als zukünftige Mutter (und somit als Mensch) gerecht zu werden. Die antagonistische Figurenkonstellation wird durch den investigativen Journalisten Petrov ergänzt, der an Tsankos Wissen über die tägliche Vorteilnahme aller Ebenen des Staatsbetriebs interessiert ist und ihn somit endgültig zwischen alle Fronten bringt.

Der Film entwickelt sich dann relativ vorhersehbar in Richtung Katastrophe.Tsankos Uhr geht verloren, was ihn in einen kafkaesken Windmühlenkampf um die Wiederauffindung verwickelt, der ihm beinahe zum Verhängnis wird. Der Journalist Petrov entpuppt sich ebenfalls als Unmensch und Julia – konfrontiert mit der Magie ihres Fortpflanzungsfähigkeit – entdeckt die letzten Reste ihrer Humanität in ihren befruchteten Eizellen.Die Erzählung vom kleinen Mann, der im Angesicht eines totalen Werteverfalls seine gesellschaftliche Stellung einbüßt, spiegelt also aktuelle Diskurse. (siehe Trump) Liest man den Film als politisches Statement kommt man dabei nicht umhin sich mit dem konservativen Wertfundemant auseinanderzusetzen, dass hinter der offensichtlichen gut/böse Dichotomie verbirgt.

Glory, Bulgarien/Griechenland 2016, 101 min.

Regie: Petar Valchanov / Kristina Grozeva

Kamera: Krum Rodriguez

Buch: Kristina Grozeva, Petar Valchanov, Margita Gosheva

Produktion: Kristina Grozeva, Petar Valchanov

Verleih: Wide

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