Girl

Auf den ersten Blick ist kaum etwas so, wie es zu sein scheint.

Auf den ersten Blick scheint Girl ganz simpel bloß ein Ballettfilm, der die Geschichte der Tänzerin Lara erzählt.

Auf den ersten Blick scheint Lara einzig eine begabte, wenn auch verbissen perfektionistische Ballerina zu sein, die unbedingt auch die schwierigsten Tänze beherrschen möchte.

Doch Lara ist mehr. Und Girl ist es ebenso.

Lara treibt ihren Körper bis an die Schmerzgrenze und weit darüber hinaus. Aufgescheuerte Wunden und blutgetränkte Spitzenschuhe gehören genauso zu ihrer Routine wie die Spitzentänze und Pirouetten. Täglich trainiert sie deutlich härter und entschlossener als ihre Mitschülerinnen, die dennoch gekonnter und scheinbar mühelos auf der Spitze tanzen. Aber Lara geht es nicht primär darum, die anderen Mädchen zu übertrumpfen. Es geht ihr darum, ihren eigenen Körper zu überwinden. Denn, auch wenn Lara ein Mädchen ist, ihr Körper ist der eines Jungen.

Laras alleinerziehender Vater gibt sich die größte Mühe, seine Tochter zu verstehen und sie aufzufangen, wann immer sie von ihren negativen Gefühlen überwältigt wird, und auch Laras Therapeut geht äußerst behutsam und sensibel mit ihr um. Sie wird auf ihrem Weg unterstützt, keine Frage, und immer wieder darin erinnert, dass sie bereits eine Frau ist und auch immer mehr zu der Frau werden wird, die sie eigentlich schon immer war. Doch manchmal scheint es, als würden diese Worte Lara nicht erreichen, da ihre Abneigung gegen sich selbst zu übermächtig scheint.

Denn auch wenn Lara das wohl idealste Umfeld hat, was ein junges Transgender-Mädchen sich wünschen könnte, ist ihr innerer Konflikt noch lange nicht gelöst. Ihr Körper widert sie an, sie vermeidet es, sich mit ihm auseinanderzusetzen oder ihn länger betrachten zu müssen, doch gleichzeitig ist ihr Tanz ein körperbetonter Sport, der sie förmlich dazu zwingt, sich permanent mit ihrem Körper zu beschäftigen. Ein schmerzhaftes Paradoxon, beinahe ein Martyrium. Wie groß ihre Verzweiflung wirklich ist, scheint niemand auch nur zu erahnen, sonst würde Lara kaum die folgenschwere Entscheidung treffen, ihrem Kummer auf eigene Faust die Stirn zu bieten.

Ein großer Pluspunkt von Girl ist es, dass auf dramatisch-überzogene Handlungen verzichtet wird. Lara muss nicht gegen den Rest der Welt ankämpfen, nicht gegen Pathos, Dramatik und Kitsch bestehen. Nichtsdestotrotz lebt sie nicht in der perfekten Welt, auch wenn der große Teil ihrer Umgebung sensibel auf sie eingeht, wird sie dennoch mit Ahnungslosigkeit und Ignoranz konfrontiert. Seien es nun ihr kleiner Bruder, der sie bei ihrem Geburtsnamen ruft, oder ihre Schulkameradinnen, die Lara bedrängen, bis sie ihnen ihren Penis zeigt. Momente wie diese tun weh, nicht nur Lara, sondern auch den Zuschauer*innen. Sie zeigen, wie tief verwurzelt und beinahe normalisiert dieses Verhalten noch immer zu sein scheint und fühlen sich dadurch real an. Beinahe zu real.

Auch wenn es kurz so scheint, als würde Lara sich ihrem Schwarm, einem Jungen aus der Nachbarschaft, öffnen, zieht sie sich nach einer ersten Annäherung wieder zurück. Auch wenn es ihr gegönnt wäre, ist es nur logisch – Lara ist dazu noch nicht bereit. Sie ist auf der Reise zu sich selbst und sollte erst ankommen, bevor sie sich mit der Liebe beschäftigt. Liebe ist nicht die universelle Lösung für alle Sorgen und Probleme, auch nicht in Girl. Der Schlüssel zum Glück liegt nicht in jemand anderem, sondern einzig in einem selbst –es ist stets möglich, zu seinem eigenen Glück zu finden, ja, sogar selbst zu seinem eigenen Glück zu werden. In Laras Fall gehen die dafür notwendigen, inneren wie äußeren Veränderungen untrennbar miteinander einher.

Girl schafft es, mit Lara eine greifbare und lebensnahe Figur zu inszenieren, sodass es kaum möglich scheint, dass die Rolle von einem männlichen Schauspieler verkörpert wird. Victor Polster schafft es durch vollen Körpereinsatz und einem von übermäßiger Dramatik befreitem Spiel, Laras Geschichte zu erzählen. Dass Transgender-Rollen oft nicht von Transgender-Schauspielern verkörpert werden, sorgt – durchaus gerechtfertigt – für Diskussionen und Proteste, doch darauf soll an dieser Stelle verzichtet werden. Schließlich ist deutlich zu spüren, mit wie viel Feingefühl und Respekt aller Beteiligten Girl erzählt wird. Es geht um die Geschichte der Figur Lara, um ihre Konflikte mit sich selbst und ihrer Umwelt, nicht um Tabubrüche oder Skandale. Das ist Girl hoch anzurechnen.

Wer diesen Film gerne auf der großen Leinwand sehen möchte, hat vor Ort auf dem Internationalen Filmfest Braunschweig die Chance dazu!

 

Girl, Belgien 2018, 105 Min.

Regie: Lukas Dhont

Buch: Lukas Dhont, Angelo Tijssens

Kamera: Frank van den Eeden

Schauspieler: Victor Polster, Arieh Worthalter, Katelijne Damen

Verleih & Bildrechte: Universum Film

Kinostart: 18. 10. 2018

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