Ginger & Rosa: Atombomben-Okkultismus

Der Atompilz über Hiroshima führt direkt in eine Londoner Entbindungsstation zur gleichen Zeit. Zwei Frauen halten sich an den Händen und gebären zwei Töchter. 17 Jahre später halten auch diese sich, auf einer Schaukel sitzend, an den Händen. Leben nehmen, Leben geben, ewige Verbundenheit. Mit nicht weniger wird der Zuschauer in Sally Potters Ginger & Rosa (2012) gleich in den ersten zwei Minuten bestrahlt. Doch so recht will die pathetische Superbombe nicht zünden.

Stattdessen blitzt, zischt und knallt hier nur die Stupidität der Protagonisten. Es ist die Zeit der Kuba Krise und aus den Bomben, die bei allem Schrecken immerhin den zweiten Weltkrieg beendeten, ist eine abstrakte Bedrohung geworden. Irgendwie sind sie es dann auch, die an allem Schuld sind. “We’re all gonna die” haucht Rosa (Elle Fanning) vor sich hin, aber man weiß, dass das nicht stimmt und man nimmt Rosa das in ihrer Naivität auch nicht übel. Den Eltern schon. Denn die Freundschaft von Ginger und Rosa (Alice Englert) fängt an zu bröckeln, als diese beginnt sich für Gingers Vater Roland (Alessandro Nivola) zu begeistern und umgekehrt. Zwar teilt auch Ginger die Ideale ihres Vaters und orientiert sich an seinen pseudo-intellektuellen Ausführungen über die Situation der Menschheit, doch ist sie, im Gegensatz zu ihrer Freundin, noch in der Lage seine Selbstgefälligkeit und Doppelmoral zu entlarven. Etwa seine Prahlerei über einen Gefängnisaufenthalt, die er im Zuge einer indirekten Kollaboration mit den Nationalsozialisten durch Wehrdienstverweigerung erhalten hat und die er als pazifistische Heldentat ausgibt.

Erfreulich wenig Dialoge und starke Einstellungen, die in intensiven Bildern das triste und graue London einfangen, sowie die verspielten, weichen Aufnahmen bei den Fahrten in die Natur unterstreichen die Zerrissenheit und die Widersprüchlichkeit, in der sich Ginger und Rosa befinden. Die close-ups jedoch werden lästig, zwar spielt Elle Fanning durchaus überzeugend als klischeebehaftetes Rebellenkind auf, aber das kann nicht jede Großaufnahme rechtfertigen.

Ginger & Rosa ist eine zwar träge und pathetische, aber doch spitzfindigeBestandsaufnahme einer schon immer verkommenen Friedensbewegung. Denn das kleinbürgerliche Milieu, die Wortführer und Mahner des “nuklearen Holocausts” sind selbst zu nichts in der Lage, weder in der Kunst noch in der Beziehung zu anderen Menschen und erst recht nicht in der Erziehung. Vielmehr wird den Kindern mit dem unreflektierten Politaktivismus der Eltern und deren pseudo-rebellischen Attitüden, mit der sie ihre egozentrischen Schweinereien rechtfertigen jegliche Kindheit ausgetrieben – und nicht mit einer Atombombe.

Ginger & Rosa, UK/Denmark/Canada/Croatia 2012, 90′
Regie: Sally Potter
Drehbuch: Sally Potter
Produktion: Reno Antoniades
Kamera: Robby Ryan
Darsteller: Elle Fanning, Alice Englert, Christina Hendricks, Annette Bening, Alessandro Nivola
Verleih: Concorde Filmverleih GmbH
Kinostart: 11.04.2013

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>