Geschichte als Netzwerk

schneevongestern_plakatWir sind die dritte Generation nach dem 2. Weltkrieg.
Wir sind die Enkel der Betroffenen. Was haben wir mit der Geschichte zu tun?
Was haben Geschichten mit uns zu tun?

Diese Dokumentation ist persönlich und überraschend erfrischend. Und vor allem: eine zeitgemäße und offenherzige Auseinandersetzung mit einem Thema, das begründeterweise blankes Entsetzen und Schockstarre provoziert hat, auf allen Seiten. Das deswegen stellenweise inflationär mediale Aufschreie provoziert und teilweise im Gegenteil gefährlich totgeschwiegen wird. In jedem Fall immer heiß aufgeladen ist, bis heute.

Doch die autobiografische Familiendokumentation ist mehr als eine aktuelle Abhandlung über den Holocaust. Massenpsychose und Shoa bilden gewissermaßen den Hintergrund für die Menschen aus dem Hier und Heute, deren Leben dieser historische Rahmen nachhaltig geprägt hat. Und ihre Vorgänger. Drei Kapitel strukturieren den Film: die erste Generation, die zweite und die dritte. Jede erfordert einen eigenen Zugang. Das eigentlich erfrischende an der dokumentarischen Untersuchung: Es geht dabei nicht um Macht, ihre Herleitung, Begründung, Implementierung und Kampf. Vielleicht vermag sie dadurch eine starke soziologische und psychologische Prägnanz zu entwickeln.

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Markant ist das beständig neugierige, interessierte und aufmerksame Rütteln der Regisseurin an Lebensgeschichten, an Geschichten, die Menschen über ihr Leben erzählen. Durch dieses Rütteln hebt sich unter dem Schutt der Historie ein Beziehungsgeflecht ab. Knotenpunkte, Verbindungslinien, Risse und Fehlstellen zeichnen das eigenartige Geflecht aus. Geschichten lösen Geschichte aus. Geschichte löst Geschichten aus.

Eine junge Israelin macht sich auf den Weg in die verfluchte erste Heimat ihrer Großmutter, ein Land, das auch ihre Eltern verschmähen. Bezeichnend ist die Ablehnung in der Haltung ihrer Eltern in einer Anfangsszene, in der Yael Reuveny ihnen verkündet, zum Studieren nach Deutschland gehen zu wollen. Verbal ist sie weniger zu spüren, es sind Eltern, die ihr Kind nach Kräften unterstützen.

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Die Regisseurin bringt einen Stein ins Rollen, kippt den ersten Dominostein und ein über Generationen geformtes Bild verschiebt leise seine Erscheinung. Auf ihrer Spurensuche begegnet sie dem Nachlass ihres mehrfach für tot erklärten Großonkels – inzwischen weilt er tatsächlich nicht mehr unter den Lebenden. Doch die Realität um den abgeschnittenen Verwandten stellt sich als grundverschieden heraus. Verschieden zu dem, was der entfernt gewachsene Familienzweig gedeutet hatte.

Die bewegende Geschichte, die bei einem im Krieg auseinandergerissenen Geschwisterpaar beginnt, wird zur selbstreflexiven Forschung über Zusammenhänge, die Generationen betreffen. Nachvollziehbar entwickeln sich alle Geschichten. Viel Herz steckt in diesem Film, doch nicht von der kitschigen Sorte.

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Schnee von gestern | Land: Israel/D | Jahr: 2012/13
Genre: Dokumentarfilm
Laufzeit: 98 min.
Regie & Drehbuch: Yael Reuveny
Kamera: Andreas Köhler
Ton: César Fernandez
Schnitt: Nicole Kortlüke & Assaf Lapid
Produktion: Melanie Andernach, Knut Losen
Verleih: Film Kino Text
Filmstart in Deutschland: 10. April 2014

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