Gast-Blickwinkel aus Paderborn: Nächster Halt: Fruitvale Station

FRUITVALEZum Jahreswechsel 2008-2009, dem Jahr in dem Barack Obama als erster Schwarzer Amerikaner ins Amt des US-Präsidenten gewählt wurde, ereignete sich der tragische Tod Oscar Grants in Oakland, Kalifornien. Um diesen Fall entbrannte eine heftige Debatte um den vorherrschenden Rassismus in den USA. Der Independent-Film zu diesem Fall, der mit Unterstützung von Forest Whitaker als Produzent entstand und Gewinner sowohl des Jury- als auch Publikumspreises beim Sundance Filmfestival 2013 ist, läuft aktuell in deutschen Kinos. Folgenden Eindruck hatten drei StudentInnen aus dem Filmkritik-Seminar an der Universität Paderborn.

Verlustschmerz
Von Luca Hammer

Ryan Coogler nimmt sich sechzig Minuten, um den ZuschauerInnen einen Einblick in das Leben von Oscar Grant zu geben. Es ist der 31. Dezember 2008. Oscar ist 22 und Afroamerikaner. Der Film startet etwa 24 Stunden vor seiner Ermordung durch einen Polizisten in einer Bahnstation und beruht auf Oscar Grants wahrem Schicksal. Durch Original-Handyaufnahmen wird dies unterstrichen, was das schmerzende Gefühl, mit dem man das Kino verlässt, verstärkt.

Oscar wird von Michal B. Jordan verkörpert, der bisher vor allem durch seine Rollen in den TV-Dramas The Wire und Friday Night Lights Aufmerksamkeit bekam. In Fruitvale Station überzeugt er mit einer Mischung aus Ruhe und Emotionalität. Seine Freundin Sophina, mit der er eine vierjährige Tochter hat, wird von Melonie Diaz gespielt, deren Verzweiflung gegen Ende des Films besonders mitreißend ist.
FRUITVALE © 2013 The Weinstein Company. All Rights Reserved.
Der Großteil des Films dient dem Aufbau der Beziehung zwischen Protagonisten und Publikum. Ein facettenreicher Charakter, der die Nerven verliert und lauter wird, wenn er versucht seinen Job zurückzubekommen. Aber die meisten Rückschläge mit einer beeindruckenden Gelassenheit hinnimmt. Er wird weder als Held noch als Versager dargestellt. Stattdessen wird gezeigt, wie liebevoll er sich um seine Tochter kümmert und wie seine schwierige Vergangenheit ihn ständig begleitet. Er gibt sich Mühe sein Leben in den Griff zu bekommen. Sein soziales Umfeld gibt ihm Halt.

Die Welt ist nicht gerecht. Das wird Oscar immer wieder vor Augen geführt. Etwa wenn er einen streunenden Hund streichelt und dieser anschließend angefahren wird. Der Täter rast ohne abzuwarten weiter. Der Hund stirbt in Oscars Händen. Eine Machtlosigkeit macht sich breit. Ähnlich fühlte man, wenn man den tatsächlichen Prozess um den Polizisten, der Oscar Grant erschossen hatte, verfolgte. Ein paar Monate Gefängnis.

Einen Eindruck der gesellschaftlichen Tragweite erzeugt der Film, indem man Oscar Grant nahe kommt ohne sich mit ihm direkt zu identifizieren. Vielmehr entwickelt man eine Bewunderung für seine Lebensbewältigung. Und das alles an einem einzigen Tag. Unbewusst entsteht die Frage, was ein ganzes Leben gebracht hätte.

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Nichts mehr wie es war
Von Lisa Menzel

Ein guter Mensch werden und sein Leben in den Griff kriegen: keine Drogen mehr verkaufen, generell mehr legale als illegale Dinge tun, seine Mutter stolz machen, für seine Tochter da sein, vielleicht heiraten. Oscar hat große Ziele für das neue Jahr 2009, aber dann wird alles anders: in der Silvesternacht wird er in eine Schlägerei verwickelt und von einem Polizisten angeschossen. Beruhend auf der wahren Geschichte des Oscar Grant, der am 1. Januar 2009 im Alter von 22 Jahren verstarb, gibt Nächster Halt: Fruitvale Station einen Einblick in die letzten 24 Stunden seines kurzen Lebens.

Ich lerne Oscar (Michael B. Jordan) im Kreise seiner Familie kennen, weit entfernt von Schlägereien und Drogendeals. Er kümmert sich rührend um seine Tochter Tatjana und ist Fremden gegenüber stets offen und hilfsbereit. Mit dem Anleiern eines Drogendeals wird er zurückkatapultiert in die Vergangenheit, hatte er doch ein Jahr zuvor noch im Gefängnis gesessen. Oscar sagt sich davon los, indem er die Drogen einfach ins Meer schmeißt. Vor Freundin Sophina (Melonie Diaz) gibt er resigniert sein Scheitern zu: „Ich will neu anfangen, aber es klappt einfach nicht!“

FRUITVALE © 2013 The Weinstein Company. All Rights Reserved.Oscar wächst mir in diesen 85 Minuten so sehr ans Herz, dass ich ihm einen Neuanfang wirklich nur wünschen kann. Und obwohl ich den Ausgang der Geschichte schon genau kannte, weil bereits zu Beginn des Films Original-Handyaufnahmen seine Erschießung zeigen, ist die Situation in der S-Bahnhaltestelle Fruitvale Station hochemotional. So gerne hätte ich der panischen Sophina geholfen, sie getröstet oder versucht, mehr Informationen aus den Polizisten herauszubekommen, als niemand ihr etwas sagen will. Ich hoffte mit seinen Angehörigen, ich fühlte ihre Trauer und den Schmerz des Verlusts – und konnte doch nicht eingreifen. Nach dem Film bleibe ich verheult und emotional überwältigt im Kinosaal zurück. So schnell kann ein junges Leben vorbei sein, so früh kann ein Mensch einfach tot sein. Das Leben ist doch so ungerecht!

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Endstation Fruitvale
Von Daniela Zitzelsberger

FRUITVALE © 2013 The Weinstein Company. All Rights Reserved.Der dunkelhäutige Oscar will die Silvesternacht 2009 mit seinen Freunden feiern… und wird dabei kaltblütig von einem weißen Polizisten erschossen. Es ist nicht nötig, dieses Ende vorzuenthalten. Denn die Ereignisse an der Fruitvale Station in San Francisco haben vor fünf Jahren die ganze Welt schockiert. Aus diesem Grund war es wohl von Regisseur Ryan Coogler das klügste, Oscars tragisches Ende (eindrucksvoll: hier wurden echte Handyaufnahmen der Tatnacht verwendet) ganz am Anfang des Films zu zeigen.

Nachdem Oscar in der Vergangenheit oftmals vom Weg abgekommen ist, hat der 22-jährige zusammen mit seiner Freundin Sophina und seiner 4-jährigen Tochter endlich sein Glück gefunden. Die erste Stunde des Films gibt uns einen Einblick in den letzten Tag in Oscars Leben. Wir lernen ihn als liebenden aber zugleich nachdenklichen Familienvater kennen, der versucht sein Bestes zu geben. Dank der verwackelten Kameraführung, die das Ganze eher wie ein Familienvideo wirken lässt, sowie realistischer Details, wie der Einblendungen der echten SMS des Tages, fühlen wir uns wie ein Teil der Familie.

Mit den Bildern der Tat im Kopf, ist es bedrückend dabei zuzusehen, wie Oscar nur wenige Stunden vor dem Vorfall glücklich mit seiner kleinen Tochter rumalbert. Zu wissen, was Oscar passiert, lässt uns schon vor seinem eigentlichen Tod um ihn trauern. Die Beziehung zu ihm wird so realistisch aufgebaut, dass es sich anfühlt, als würde man wirklich eine nahestehende Person verlieren.
Neben dem großartigen Michael B. Jordan als Oscar ist vor allem Melonie Diaz als seine Freundin Sophina hervorzuheben, wie sie verzweifelt vor dem Eingang der S-Bahn Station steht und nicht fassen kann, was gerade passiert. Eine kleine Überraschung in der Besetzung ist Teenieschwarm Chad Michael Murray in der Rolle des rassistischen Officers Ingram, den man in dem ganzen Chaos zuerst beinahe nicht erkennt.

Nächster Halt: Fruitvale Station bewegt, das steht fest. Gerade die emotionale Bindung zu Oscar und der tiefe Schock, dass so etwas Dramatisches wirklich passiert ist, machen den Film zu einem Mahnmal gegen Rassismus, das im Kopf bleibt.

Fruitvale Station / Nächster Halt: Fruitvale Station, USA 2013, 85’
Buch & Regie: Ryan Coogler
Kamera: Rachel Morrison
Darsteller: Michael B. Jordan, Melonie Diaz, Octavia Spencer
Verleih: DCM Filmverleih

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