Gast-Blickwinkel aus Paderborn: Beziehungsweise New York

BeziehungsweiseNewYork_posterMit Casse-tête chinois (oder zu deutsch: Beziehungsweise New York) schließt Cédric Klapisch seine paneuropäische ERASMUS-Studenten-WG-Trilogie ab. Wie die romantische Komödie bei verschiedenen Generationen in Paderborn (bzw. in ausgewählten Arthouse-Kinos in Bielefeld und Hamburg) ankam, zeigt sich in unserem Gast-Blickwinkel, der aus dem Blockseminar Filmkritik an der Universität Paderborn hervorgeht.

(K)ein Ende in Sicht
Von Niels Deimel

Warum nur muss alles immer so kompliziert sein, im Alltag gut-situierter Thirtysomethings, wie sie uns das Kino in so sicherer Regelmäßigkeit beschwört? Xavier (Romain Duris) stellt sich dieselbe Frage – wohlgemerkt weniger selbstkritisch und mit seinen mittlerweile 40 Jahren hoffentlich zum letzten Mal. Denn Regisseur Cédric Klapisch möchte mit dem finalen Teil seiner L’Auberge Espagnole-Trilogie, hierzulande als Beziehungsweise New York in den Lichtspielhäusern, endlich reinen Tisch machen und Resümee ziehen. Das gestaltet sich schwieriger als gedacht: Wendy (Kelly Reilly) will sich von Xavier scheiden lassen und nimmt die gemeinsamen Kinder mit nach New York. Xavier trottet hinterher und zieht bei Isabelle (Cécile De France) ein, die mit ihrer Frau sein Spenderkind erwartet. Und dann sind da auch noch ein fragwürdiger Scheidungsanwalt, zwei deutsche Philosophen und natürlich Xaviers Ex-Freundin Martine (Audrey Tautou). Man ahnt bereits: Xavier ist noch weit entfernt von seinem innigen Wunsch nach spießbürgerlicher Ordnung.
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Trotz der beinahe krampfhaften Bemühung Klapischs, im erwähnten Chaos ein Gefühl von Leichtfüßigkeit zu vermitteln, wirkt die Geschichte aber tatsächlich überladen. Seine Meta-Struktur – Xavier schreibt parallel zum Geschehen einen Roman über sein Leben – hätte der Film zum Beispiel gar nicht nötig. Einen gewissen Unterhaltungswert haben die episodenartigen Verwirrspiele um Xaviers Liebschaften aber trotzdem. Denn wenn nach einem müden Start das uninspirierte Beziehungsdrama endlich durch eine rasante Großstadtkomödie abgelöst wird, dann wird geliebt, gelacht und mitunter auch mal überbordend ejakuliert.

Zwar ist Klapisch kein Woody Allen, zotig gerät der Humor dabei aber trotzdem nicht. Beziehungsweise New York zelebriert genüsslich seinen Culture Clash und mündet in einem herrlich verworrenen Finale. Umso enttäuschender ist es deshalb, dass der Film seine Fragen schließlich mit banalen Lebensweisheiten zu beantworten sucht. Und erkennbar macht, dass insgesamt zu wenig aus dem Konzept kosmopolitischer Gefühlschaotik gemacht wird. Passenderweise fasst es Martine im Film selbst zusammen: Auf Xaviers Frage, wie sie denn sein Leben bewerte, antwortet sie: „Es ist normal kompliziert.“

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Midlife-Crisis im Big Apple
Jonas Kühle

BeziehungsweiseNewYork_pic_2Am Ende wird doch ohnehin alles gut – oder etwa doch nicht? Bei Beziehungsweise New York könnte man sehr leicht darauf kommen, dass es sich um die x-te Version der klassischen und mittlerweile allseits bekannten Liebeskomödie handelt. Doch sehr schnell entpuppt sich die Geschichte zu einer Form von dauerhafter Selbstreflexion, die den Faktor Humor nicht unbedingt dominieren lässt.

Es geht um Xavier (Romain Duris), dessen Leben momentan alles andere als einfach ist. Er lebt als mehr oder weniger erfolgreicher Autor in Paris, als seine Frau (Kelly Reilly) ihn verlässt und mit den zwei gemeinsamen Kindern nach New York zu ihrem neuen Freund zieht. Von Selbstzweifeln belastet, entschließt sich Xavier dazu, den Dreien nach New York zu folgen. Umgeben vom hektischen New Yorker Alltag, versucht er in der Stadt Fuß zu fassen und in der Nähe seiner Kinder zu sein.

Der Plot klingt bis hierher nicht schlecht. Äußerst ärgerlich ist allerdings die vollkommen unnötig hohe Dichte an Nebenhandlungen, die Klapischs Drehbuch enthält. Die Wohnungssuche, Xaviers Beihilfe zur Schwangerschaft seiner lesbischen Ex-WG-Mitbewohnerin (klasse: Cécile de France), die Suche nach Arbeit, die häufige Anreise seiner Ex-Freundin (Audrey Tautou), die notwendige Hochzeit mit einer Amerikanerin zwecks dauerhafter Aufenthaltsgenehmigung, und so weiter. Ein vernünftiger Erzählfluss kommt in der französischen Komödie leider nicht auf.

Dafür serviert der Regisseur einige inszenatorische Sahnestücke. Szenen, die als Papiercollage oder mit Hilfe von Street-View-Bebilderungen konstruiert sind, stechen immer mal wieder erfrischend aus dem großen Ganzen hervor. Wenn durch Xaviers Gedanken plötzlich Dialoge mit bereits verstorbenen Philosophen entstehen oder Pornoheft-Bildchen zum Leben erweckt werden, kann der detailverliebte Film sogar komisch werden. Wirkliche Brüller halten sich aber in Grenzen. Vor allem aufgrund der durchweg guten Schauspielleistungen ist es sehr schade, dass Beziehungsweise New York am Ende in einem Meer aus irrelevanten Erzählsträngen und zwanghafter Lebenssinn-Sucherei ertrinkt.

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Sex und Lebenskonzepte um die 40
Von Skadi Loist

Beziehungsweise New York ist eine bunte, rasante Komödie, mit allen Zutaten für das kosmopolitische Arthouse-Publikum: spielerische Comic-Effekte à la Michel Gondry; die angesagtesten Großstädte der Bohème – New York und Paris (nein, nicht Berlin); Sprünge in verschiedene Sprachen – englisch und spanisch bestehen erfreulicher Weise sogar in der deutschen Synchronfassung fort; Künstler und erfolgreiche Weltverbesserinnen. Es ist eine Beziehungskomödie, die eine neue Altersgruppe erreicht hat, rausgewachsen aus der Mitte 20/Anfang 30-Generation, die nach der wahren Liebe und Familiengründung sucht (das haben wir in den ersten zwei Teilen der Triologie abgearbeitet). Stattdessen entspinnt sich nun die Geschichte um die Gruppe von Charakteren um die 40, die bereits Beziehungen hatten, Familien haben und in moderner, multikultureller Regenbogen-Patchwork-Familie leben.

BeziehungsweiseNewYork_pic_1Das erfrischende an der klassischen Struktur, bei der sich alles um den männlichen Haupthelden und seine midlife crisis dreht: es gibt auch interessante Frauen im Plot, die verschiedene Lebensentwürfe repräsentieren dürfen. Die Frauen um die 40 in Xaviers Leben wissen, was sie wollen und leben es auch aus: Die Buddy-Figur gibt zur Abwechslung mal die belgische Butch Isabelle (Cécile de France), Xaviers Ex-Mitbewohnerin, die ihn um eine Samenspende bittet, um mit ihrer großen Liebe Ju in New York eine lesbische Familie zu gründen und dennoch fremd geht, um sich zu beweisen „dass sie noch Feuer hat“. Martine (Audrey Tautou), ist eigentlich Xaviers Ex, hat inzwischen zwei Kinder, aber „schon wahnsinnig lange nicht mehr gevögelt“. Nur Ex-Frau Wendy sucht sich einen anderen, erkennt aber weiterhin seine Vaterqualitäten an.

Bei aller überzogener Bohème-Slapstick und dem albernen Kreisen aller Frauen um den einen Mann und Übervater gehört Beziehungsweise New York doch zu einem Kino der neuen Lebenskonzeptionen.

Casse-tête chinois / Beziehungsweise New York, Frankreich 2013, 117’
Buch & Regie: Cédric Klapisch
Kamera: Natasha Braier
Darsteller: Romain Duris, Audrey Tautou, Cécile de France, Kelly Reilly
Verleih: StudioCanal Deutschland

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