“Fuck you, motherland!”… Von Freiheit und Demokratie (Berlinale)

Zwei Dokumentationen auf der Berlinale 2012

Ai Weiwei: Never Sorry
Sektion: Berlinale Special / Regie: Alison Klayman / USA 2012 / 91′

Im April 2011 erhielt der chinesische Künstler und Aktivist Ai Weiwei eine Gastprofessur an der Universität der Künste Berlin, die er bis heute nicht antreten konnte. Als öffentlicher Gegner der chinesischen Regierung wurde er in den letzten Jahren vom Staat überwacht, bis er im April letzten Jahres plötzlich verschwand. 81 Tage lang wurde er an einem unbekannten Ort gefangen gehalten – offiziell wegen Steuerhinterzug. Ai Weiwei, der seine Meinung immer offen in Form von Aktionen und übers Internet äußerte, darf keine Interviews mehr geben, nicht mehr twittern und das Land für ein Jahr nicht verlassen. Mit diesen Fakten endet die Dokumentation Never Sorry, die das Bild eines beeindruckenden Mannes zeichnet, der eine Inspiration für viele und eine Bedrohung für andere darstellt. Dabei bleibt der Film ehrlich und versucht nicht zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken. Das muss er auch gar nicht, weil die Umstände und die Aktionen schon für sich eine emotionale Wucht in sich tragen, die aufwühlt und zum Nachdenken anregt. Was hauptsächlich im Raum steht, ist nicht ein vielleicht zu erwartendes Gefühl von “Wie schlecht es die Menschen in China doch haben” und gleichzeitig “Mir gehts hier ja doch ganz gut”, sondern vielmehr die Frage danach, wie man in einem solchen Land mit dieser Situation umgehen kann, wie Widerstand aussehen kann und was er bewirkt.
Ai Weiwei hat unter anderem gemeinsam mit vielen Freiwilligen die nicht veröffentlichten Namen aller Schüler, die bei dem Erdbeben von Sichuan 2008 ums Leben kamen, aufgelistet und auf seinem damaligen Blog veröffentlicht. Dieser wurde daraufhin abgeschaltet. Er kommt bei seiner Liste auf 5385 junge Menschen. In seinem Büro in Peking hängt die überdimensionierte Tabelle an der Wand und selten machte ein einfaches Stück Papier so betroffen. Die Regierung hatte die Zahl und die Namen vertuscht, da diese Kinder und Jugendliche aufgrund der nachlässig gebauten Schulen ums Leben kamen.

“There are no outdoor sports as graceful as throwing stones at a dictatorship in this world, and there are no interactive communications as exciting as the gang-fight style in the digital virtual world.”
(Twitter Eintrag von Ai Weiwei am 10. März 2010)

Angriff auf die Demokratie. Eine Intervention
Sektion: Panorama Dokumente / Regie: Romuald Karmakar / D 2012 / 102′

Tatsächlich wird Angriff auf die Demokratie. Eine Intervention im Beschreibungstext als “found footage” Film klassifiziert – so viel gleich zu Beginn: das ist er (meiner Meinung nach) nicht. Regisseur Romuald Karmakar hat eine Veranstaltung zum titelgebenden Thema, die im Dezember 2011 in Berlin stattfand, aufgezeichnet. Und der Film besteht fast ausschließlich aus den Vorträgen der insgesamt 10 Redner, gefilmt aus drei statischen Kameraperspektiven. Dazwischen läuft ein 6minütiger Kurzfilm des Regisseurs, der Ziegen auf einer Weide zeigt. Vielleicht ist “found footage” ja auch einfach etwas anderes als ich mir vorstelle. Egal, falsche Erwartungen sind oft ärgerlich, darum geht es hier nicht. Was die Redner vortragen ist auch gar nicht uninteressant, nur ist mir nicht klar, warum das Ganze als Kinofilm läuft. Die Aufzeichnung einer solchen Tagung ist generell sicher sinnvoll, aber die Situation, im Kinosaal knapp 100 Minuten lang Vortragende zu sehen, die aber eben nicht für dieses Publikum reden und zu denen keinerlei Verbindung entstehen kann, ist sehr merkwürdig.
Und jetzt was zum Inhalt: Es geht um die Euro-/Finanz-/Wirtschaftskrise oder wie auch immer man sie jetzt nennen möchte und um den Betrug der Politiker am Volk. Alle Vortragenden (die sich selbst zum Teil übrigens als Intellektuelle bezeichnen, was leicht selbstgefällig rüberkommt) betonen, dass die Politiker in einer Demokratie als Vertreter des Volkes gewählt wurden, dieser Aufgabe aber nicht mehr nachgingen. Das ist sicher richtig, aber im Ernst: ich kann mich nicht erinnern, dass sie das jemals alle taten. Politiker als Volksvertreter zu sehen, die im Interesse der Bevölkerung handeln… von diesem Gedanken habe ich mich schon früh in meinem Leben verabschiedet, mit einem anderen Verhalten rechne ich schon gar nicht mehr. Das heißt natürlich nicht, dass mir diese Rückschritte in der Demokratie egal wären oder ich die Handlungen und Entscheidungen der Politiker in der Krise in Ordnung finde. Aber durch diese Dramatisierung kommt man zwangsläufig zu den Gedanken, die die Ai Weiwei-Doku noch umschiffen konnte. Man fragt sich dann doch wieder: Über was regen wir uns hier überhaupt auf? Wenn ich öffentlich “Fuck you, motherland” sage, werde ich danach nicht staatlich überwacht, verfolgt und verhaftet. Uns geht es eben doch nicht so schlecht, wie es uns manchmal vorkommt und unser “Widerstand” wird, wenn überhaupt vorhanden, immer eine andere Bedeutung haben. “Angriffe” auf die Demokratie kritisieren, anklagen, verhindern wollen – auf jeden Fall. Sich selbst in eine Opferrolle drängen – lieber nicht.

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