“Flüchtlingsfilme” auf der Berlinale

Mit dem Goldenen Bären für Fuocoammare wurde zuletzt noch einmal prominent auf das die Berlinale beherrschende Thema hingewiesen: die Flüchtlinge. Dabei verdeckt der Preis leider auch, dass die interessanteren Filme dazu in den anderen Sektionen des Festivals gezeigt wurden. Zwar findet der Dokumentarfilm von Gianfranco Rosi atmosphärisch starke Bilder und zeichnet sich auch sonst durch eine interessante Kamera aus, kann aber dem Diskurs über Lampedusa keine neuen Bilder abgewinnen. Die Aufnahmen von den ankommenden Flüchtlingen sind die gleichen, wie man sie nun schon seit Jahren sieht, möglicherweise qualitativ etwas besser.

Neben Fuocoammare haben wir weitere “Flüchtlingsfilme” auf der Berlinale gesehen und besprochen. Der interessanteste ist dabei Les Sauteurs der mit dem Preis der ökumenischen Jury ausgezeichnet wurde. Im Gegensatz zum Preisträger des Goldenen Bären wechselt dieser Film radikal die Perspektive, indem er Abou Bakar Sidibé, einem Flüchtling aus Mali die Kamera in die Hand gibt, der dann das Warten und Anrennen gegen den Grenzzaun von Melilla filmt. Um die Perspektive, darum, wie wir diese Bilder anschauen, geht es auch in Philip Scheffners Havarie, der einen dreiminütigen YouTube-Clip eines Flüchtlingsbootes auf neunzig Minuten dehnt und mit verschiedenen Interviews kontrastiert, die allesamt um dieses Schlauchboot kreisen. (And-Ek Ghes, Scheffners zweiter Film, der ebenfalls im Forum präsentiert wurde, beschäftigt sich indirekt ebenfalls mit dem Thema der Flucht, ist er doch eine Art Fortsetzung zu seinem Film Revision, der versuchte den Mord an zwei Roma aufzuklären, die in den 90ern versuchten die Grenze nach Deutschland zu überqueren.) An den verschiedenen Beiträgen wird deutlich, dass auch im Bezug auf das filmische Vorgehen bisherige Arbeitsweisen überdacht werden müssen. Und das Flucht nicht nur in Europa ein Thema ist. Wang Bings neuester Film Ta’ang begleitet Flüchtende aus Myanmar, die an der chinesischen Grenze Schutz suchen. Und Avi Mograbi dokumentiert ein Projekt, bei dem er mit Flüchtlingen aus Eritrea und dem Sudan ein Theaterprojekt entwickelt, das die Erfahrungen der in Israel Festsitzenden verarbeitet. Ganz ähnlich gehen die Filmemacher von Tales of two who dreamt vor: Eine Roma-Familie wartet in Kanada auf ihren Abschiebungsbescheid und erarbeiten währenddessen einen Film, der permanent schwankt zwischen Alltagsdokumentation und Phantasie.

Auch wenn der nun prominenteste Film des Festivals seinen Blick auf die Opfer richtet, demonstrieren doch viele weitere Filme, dass diese Protagonisten selbst Erzeuger von Bildern und Perspektiven sein können. Im besten Falle werden so eingeschliffene Perpektiven hinterfragt.

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