Flowers of Shanghai (Il Cinema Ritrovato 2019)

Eine Kritik von Martha Mavrommati

Hai shang hua des Regisseurs Hou Hsiao-Hsien ist ein Filmmelodrama aus dem Jahr 1998. Angesiedelt in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts im Shanghai der Quing-Dynastie, erzählt der Film die Geschichte von vier Kurtisanen, deren Namen auf Englisch in Pearl, Crimson, Jasmin und Emerald übersetzt wurden. Jede Kurtisane wohnt in einem anderen Bordell, und der größte Teil der Handlung wird durch Konversation oder Klatsch übermittelt.

Die Kurtisanen wurden von Patroninnen gekauft, als sie noch sehr jung waren und führten seither ein Leben in der Sklaverei. Um ihre Freiheit zu erlangen, mussten sie einen sehr hohen Betrag zahlen, was angesichts der Tatsache, dass das Bordell einen Teil des Gewinns behielt, fast unmöglich war. Das Leben im Bordell war grausam, besonders bei den jüngeren Kurtisanen, da sich die Patronin und die anderen Mädchen sehr oft stritten. Die Beziehung zwischen den Kurtisanen und den wohlhabenden Kunden war langfristig und oft monogam. Es war üblich, dass die Kunden den Kurtisanen Geschenke machten, die die meiste Zeit ihre einzigen Besitztümer waren.

Der Film beginnt mit einer langen Einspielung an einem großen Tisch in einem der Bordelle, an dem einige Kunden ein für den Zuschauer kompliziert wirkendes Spiel spielen und die Kurtisanen daneben stehen und Getränke servieren. Nicht alle sind in Bildrahmen sichtbar, so dass manchmal Menschen, die gezeigt werden, mit Menschen hinter der Kamera spielen.
Am Anfang der Geschichte erfahren die Zuschauer, dass Meister Wang nach zweieinhalb Jahren die Kurtisane Crimson für die jüngere Jasmin verlassen hat. Ihr Herz ist gebrochen, aber er bietet ihr an, ihre Schulden zu bezahlen, damit sie in die Freiheit gehen kann. Er und ihre Patronin einigen sich über die Höhe der Summe, aber Meister Wang kann nicht von ihr ablassen, da er immer noch Gefühle für sie hat. Als er vermutet, dass sie eine Affäre mit einem Schauspieler hat, stürmt er in ihr Zimmer und verwüstet es. Am Ende wird er befördert und kehrt in seine Heimatstadt zurück. Crimson bekommt einen neuen Kunden.

Die Kurtisane Emerald will das Bordell verlassen und schafft es mit Hilfe von Meister Luo, den Kredit zu bezahlen und frei zu kommen. Ihre Geschichte bietet einen guten Einblick in die soziale Struktur der Bordelle im Fin de Siècle-Shanghai und die Geldtransaktion, die für die Freilassung einer Kurtisane erforderlich war.

Pearl ist eine alternde Kurtisane, die am unabhängigsten von allen zu sein scheint. Sie hat keinen offensichtlichen Kunden und beschäftigt sich mit dem Streit im Bordell und mit der Verbreitung von Nachrichten und Informationen über die Anderen.
Ein großer Teil der Handlung spielt sich hinter den Kameras ab und bleibt ungesagt und nicht gezeigt, wodurch Ellipsen entstehen, die der Regisseur nicht ausfüllt.
Die Handlung findet nur innerhalb der vier Bordelle statt, und kein Sonnenlicht ist zu sehen. Die einzige Lichtquelle sind Öllampen und Kerzen. Dies gibt dem Film eine getragene Atmosphäre und erfordert neben den langen Szenen viel Geduld vom Zuschauer, um mit der Handlung Schritt zu halten. Die Kostüme sind aufwendig und sehr luxuriös, aus Seide gefertigt und mit vielen goldenen Elementen verziert. Das Innere der Bordelle ist sehr stilvoll dekoriert und mit vielen Requisiten ausgestattet, die den Szenen Authentizität verleihen. Der Konsum von Tee und Opium war einer der Gründe, warum die Gäste die Bordelle besuchten. Daher sind die Opiumpfeife und der Teetisch für viele Szenen in den intimen Räumen der Kurtisanen von zentraler Bedeutung.

Die Musik trägt auch zur trägen Atmosphäre des Films bei. Sie ist leicht und verleiht den Szenen eine gewisse Tiefe. Während des gesamten Films bleibt das Musikthema das Gleiche und passt perfekt zum langsamen Rhythmus des Films.
Der Film konzentriert sich nicht auf die erotischen Beziehungen zwischen den Kurtisanen und ihren Kunden. Es gibt nicht eine einzige Sexszene im Film. Der Regisseur legt seinen Schwerpunkt auf die zwischenmenschlichen Beziehungen in den Bordellen und das Gefühl der Kameradschaft und Loyalität zwischen den Charakteren.
Was ich an diesem Film besonders interessant fand, war sie Kinematographie. In den 37 Szenen des Filmes gab es keinen Schnitt, und bei jeder Aufnahme wurde nur eine Kamera verwendet. Das hat das Tempo des Films verlangsamt, aber im Gegenzug Authentizität verliehen. Diese Aufnahmetechnik zeigte auch das Talent der SchauspielerInnen, die ihre Rollen perfekt ausführen mussten, um die Einstellung nicht zu ruinieren.

Das Ende des Filmes wurde offen gelassen. Viele Fragen blieben unbeantwortet, aber gleichzeitig gab es dem Zuschauer ein Gefühl des Abschlusses. Ich verließ das Kino nicht unzufrieden, sondern mit einem stärkeren Wunsch, mehr über die Charaktere und die Gesellschaft zu erfahren, in der sie lebten. Ich würde mir den Film auf jeden Fall wieder anschauen, um die Beziehungen und die Konflikte zwischen den Charakteren besser zu verstehen. Ich nehme an, dass es einer dieser Filme war, die bei jeder Vorführung etwas Neues enthüllen. Insgesamt fand ich die „Blumen von Shanghai“ erfrischend inmitten der heißen bolognesischen Hitze.

Flowers of Shanghai (Originaltitel: Hai shang hua) , TWN, JPN 1998, 130 Min.
Regie: Hou Hsiao-Hsien
Drehbuch: Zhang Ailing, Chu Tien-wen
Darsteller*innen: Tony Leung, Michiko Hada, Michelle Reis
Produktion: 3H Productions, Shochiku

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