Fincher findet wieder zu seinen Thrillerstärken…

Hollywood hat wieder zugeschlagen und ein Remake herausgebracht. Diesmal betrifft es die dreiteilige „Millenium“-Reihe, die auf die weltweit erfolgreichen Romane von Stieg Larsson basieren („Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“). Diese wurden bereits 2009 in Schweden verfilmt und waren europaweit ein riesen Erfolg. Klar, dass da Hollywood nicht lang gezögert hat und sich die Rechte daran gesichert hat. Aber braucht es das überhaupt? Ein weiteres Remake? Eigentlich nicht. Außer in diesem Fall. Denn man kann sagen was man will, aber David Fincher hat gezeigt, dass Hollywood hin und wieder ordentliche Remakes hervorbringen kann, die durchaus mit dem Originalfilm mithalten können.

Wer die Bücher nicht gelesen hat oder keinen der Filme gesehen hat: In „Verblendung“ geht es um den Journalisten Mikael Blomkvist (Daniel Craig) und die, sagen wir etwas außergewöhnliche Lisbeth Salander (Rooney Mara). Nachdem Blomkvist auf eine weniger sichere Quelle hereingefallen und verklagt worden ist, verliert er nicht nur sein ganzes Erspartes, sondern auch seinen guten Ruf. Da kommt ihm der Auftrag von Henrik Vanger (Christopher Plummer) sehr gelegen, der ihn bittet, einen familieninternen Mord, der allerdings schon 40 Jahre zurückliegt, aufzuklären. An seine Seite gesellt sich Lisbeth Salander. Sie ist „anders“ als die anderen, lebt unter staatlicher Vormundschaft und wird von der Gesellschaft ausgegrenzt. Zusammen stoßen die beiden schnell auf eine Reihe unerklärlicher und bestalischer Frauenmorde, die zu dem Mord vor 40 Jahren an Harriet Vangar, der Nichte von Henrik Vanger, in Verbindung stehen. Fincher lässt sich viel Zeit, um in die Charaktere einzuführen. Die ersten 60 Minuten des Films wissen Blomkvist und Salander noch nichts voneinander. Wir erfahren, wie es zu Blomkvists Verurteilung kam, in welchem Verhältnis er zu seiner Chefin steht und begleiten ihn bei seinen Recherchearbeiten zum Drama der Familie Vangar. Ebenso lernen wir auch Lisbeth kennen: nach außen hin gibt sie die harte Rebellin, während sie innerlich sehr zerbrechlich ist.

Den ganzen Film über liegt ein besonderer Fokus auf Lisbeth Salander. Rooney Mara, die schon in „The Social Network“ mit Fincher gearbeitet hat, lebt förmlich ihre Figur. In den schwedischen Filmen spielte Noomi Rapace die Rolle der Lisbeth und wurde dafür hoch gelobt. Beide verkörpern sie äußerst glaubwürdig, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, ihre Rolle. Fincher jedoch arbeitet die zerbrechliche Seite der Lisbeth viel stärker heraus, als es das im schwedischen Pendant der Fall ist. Obwohl auf die krassen Kontraste zwischen gewalttätiger Schlägerin (wie die Rachesequenz zeigt, die der Vergewaltigungsszene folgt) und verletzbarer Frau (wie die Schlussszene eindrucksvoll zeigt) immer wieder hingewiesen wird, so wirken sie jedoch nie unglaubwürdig.

Nach einigen „ruhigeren“ Filmen, wie „The Social Network“ und „Der seltsame Fall des Benjamin Button“, kehrt David Fincher mit einem düsteren Thriller wieder auf die Leinwand zurück, der an seine früheren Filme wie „Sieben“ oder „The Game“ erinnern. Das Schweden, das Fincher präsentiert, ist kalt und dunkel, genauso wie dessen Bewohner. Nur die Szenen, die die Erinnerungen zeigen, sind etwas farbenfroher. Bevor er die Regiearbeit angenommen hat, soll er sich explizit danach erkundigt haben, ob er auf die Altersfreigabe achten müsse. Das verspricht zum einen natürlich einen größeren kommerziellen Erfolg, schränkt zugleich aber auch in der Darstellungsvielfalt ein. Somit kam es ihm zu Gute, dass er darauf verzichten konnte, was sowohl in der Vergewaltigungsszene, als auch in den Szenen im Keller deutlich wird (und vielleicht auch für den etwas zaghaften US-Kinostart sorgte).

Für Hollywood-Verhältnisse ein durchaus gelungenes Remake, bei dem David Fincher wieder zeigen konnte, wo seine Stärken liegen. Einziges Manko an dem Film war die deutsche Synchronisation, die mich persönlich vor allem bei Lisbeth Salander gestört hat. Zudem war Fincher auch etwas inkonsequent bei kleinen Details, wie den eingespielten Nachrichtenkanälen, bei dem die Informationen und Bauchbinden (obwohl es sich um einen schwedischen Sender handelte) in Englisch eingeblendet wurden. Ebenso verhielt es sich auch mit den Internetseiten.

Nichts desto trotz, wer viel Sitzfleisch hat (der Film geht ca. 160 Minuten plus unnötiger Pause), kann sich den Film durchaus im Kino angucken. Man kann aber auch bis zum DVD/BluRay-Release warten (vor allem wenn man die Bücher und die schwedischen Filme kennt).

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