Violent

Violent

„It feels like water. It feels like electricity. It sounds like the humming of a fridge…“

Wie ein gedanklicher Leitfaden werden diese Sätze im Verlauf des Films wiederholt, immer als Voice-Over der jungen Protagonistin Dagny und immer als eine Art Überleitung zwischen den einzelnen Abschnitten. Geteilt in fünf Kapitel erzählt Violent von verschiedenen Momenten in Dagnys Leben, die in Verbindung mit einigen Personen aus ihrem Umfeld stehen. Dabei werden unterschiedliche Themen umrissen, die alle irgendwie in Zusammenhang mit den bevorstehenden Veränderungen stehen. Es geht um Versuche der Selbstfindung, das Loslassen des Gewohnten, aber auch um Freundschaft, Familie, Erinnerungen, Einsamkeit und die Suche nach einem Platz in der Welt. Dagny entscheidet sich dazu, aus der norwegischen Provinz in die größere Stadt Bergen zu ziehen, wo sie bei einem Bekannten ihrer Eltern leben und arbeiten kann und ihre beste Freundin in unmittelbarer Nähe hat. Als die Dinge anders verlaufen als geplant, beginnt sie zu lernen, dass Alleinsein nicht unbedingt mit Einsamkeit gleichzusetzen ist.

Der Mut zu einer lückenhaften Erzählung und eine generelle Experimentierfreude zeichnen das Regiedebüt von Andrew Huculiak aus, der eigentlich Drummer der kanadischen Band We Are The City ist. Tatsächlich haben alle Bandmitglieder gemeinsam das Drehbuch geschrieben und sowohl am Film als auch an einem gleichnamigen Album gearbeitet, wobei beide Werke thematisch und atmosphärisch in Verbindung stehen, ansonsten aber als eigenständig verstanden werden sollen. Vor diesem Hintergrund könnte man ein unbeholfenes, überladenes Projekt erwarten, das mehr Musikvideo als Film ist, aber davon ist Violent ziemlich weit entfernt. Als visuelle Begleitung zu Dagnys Voice-Over Texten bindet Huculiak zwar einige abstrakte und surreale Bilder ein, die als Kontrast aber von den unaufgeregten, ruhigen Beobachtungen der einzelnen Kapitel ausgeglichen werden. Und auch die Musik der Band ist nicht überpräsent, im Gegenteil. Statt eingängiger Melodien werden gezielt experimentelle Soundeffekte eingesetzt. Generell sind die Sounds und die Aufnahmen der beeindruckenden norwegischen Landschaft die stimmungsgebenden Elemente des Films und tragen zur teils melancholischen, teils mysteriösen Atmosphäre bei. Die eigentliche Bedeutung der anfangs zitierten Sätze und auch der einzelnen Kapitel wird erst am Ende klar. Fast unbemerkt fügt sich alles zusammen und es entsteht ein in sich stimmiges Gesamtwerk, das zwar eine finale Auflösung liefert, es aber dennoch schafft, manche Fragen offen zu lassen und die vollkommene Abgeschlossenheit zu vermeiden. Statt eines großen, schockierenden Twists findet eine behutsame Verknüpfung statt, die bewegend ist, sich aber zum Glück nicht zu rührselig anfühlt.


Sektion: Neues Internationales Kino
Kanada/Norwegen 2014, 102’
Regie: Andrew Huculiak
Musik: We Are The City
Kamera: Joseph Schweers
Darsteller: Dagny Backer Johnsen, Tor Halvor Halvorsen, Tomine Mikkeline Eide

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