Filmbares nach einem zweiten Weltkrieg (Il Cinema Ritrovato 2019)

Nach Italien fahren zu müssen, um spannende deutsche Filme zu schauen, erscheint auf dem ersten Blick absurd, aber nicht so, wenn es die einzige (einfache) Möglichkeit ist, diese Filme überhaupt zu Gesicht zu bekommen. So wollte es der Zufall, dass auf dem diesjährigen ‚Il Cinema Ritrovato‘ die von Olaf Möller kuratierte Reihe “‘We Are the Natives of Trizonia’: Inventing West Germany Cinema, 1945-49” präsentiert wird und sich mit ihr eine vielschichtige Kinolandschaft öffnet, die mir völlig unbekannt war und auch wenig Beachtung erhält. Auf die Frage, welches Kino unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg in den Besatzungszonen unter alliierter Aufsicht produziert wurde, fällt vermutlich vielen außer den (teils im und vom Ausland produzierten) Trümmerfilmen nicht viel mehr ein, wobei diese Lücke dann ab den 50er Jahren von den Heimatfilmen gefüllt wird. Dass aber metafilmische Satiren, die ihren Start im Jahr 2048 oder ihre Handlung im mehr schlecht als recht zusammengemogelten, sogenannten Altchinesien finden, eine kurze Phase des Experimentierens einleiten, ist filmhistorisch und zeitgeschichtlich eine Überraschung.

So beginnt Berliner Ballade (1948) von Robert A. Stemmle zuvörderst mit einer direkten Ansprache an das Publikum von 2048, welches sonst aus ihren Privathubschraubern auf seine futuristischen Metropolen schaut und seine 3D-Brillen abnehmen soll, um einen Blick zurück in das Nachkriegsdeutschland werfen zu können. Dort finden wir den von Gert Fröbe gespielten Kriegsheimkehrer Otto Normalverbraucher  (dieser Film hat den Begriff übrigens geprägt), der in das zerstörte Berlin zurückkehrt. Mit der Hilfe der Erzählerstimme (Erik Ode) weicht er erfolgreich Gefahrensituationen mit Slapstickpotenzial aus und findet den Weg zu seiner alten Wohnung. Dort hat sich allerdings bereits ein Freudenhaus angesiedelt, dessen Bewohner*innen ihm aber erlauben, sein altes Zimmer zu bewohnen. Dass dieses seiner Besitztümern beraubt wurde und seit einem Bombeneinschlag einen Großteil seiner Wände eingebüßt hat, versuchen die anderen Bewohner*innen mit der spektakulären Aussicht auf das zerstörte Berlin zu beschönigen. Auch im restlichen deutschen Alltag sieht es nicht besser aus. Der Bürokratiewahnsinn verweist von einem Beamten zum nächsten, welcher wieder auf den ersten verweist, bis Ottos Vollbart ihm bis zum Bauchnabel reicht und ihm der Geduldsfaden reißt. Die politischen Parteien geben Wort für Wort die selben Reden zum Besten, wobei nur die Feindbilder und das Heilsversprechen von Ost- und Westzone zwischen der ‘monopolkapitalistischen Fraßgier’ oder des ‘totalitären Systems’ changieren. Zwischen dem alltäglichen Überleben, Essensmarken und der Suche nach Liebe und Sinn besteht das Leben vor allem aus eins: Warten. Konsequent, dass diesem Faktum gleich ein Lied gewidmet wird.

Ähnlich sieht es in Altchinesien aus. In Karl Heinz StrouxDer Große Mandarin (1949) versucht man sich in dem großen Unternehmen, einen Film zu drehen. In Ermangelung von Kostümen richtet man sich erneut an das Publikum, da dort sicher Personen aus unterschiedlichsten Berufsgruppen anzutreffen sind, die ihre Arbeitskleider zur Verfügung stellen würden. Nachdem also das Filmteam aus der Leinwand getreten ist, um die Kostüme in Empfang zu nehmen und sich aus simplen Bambusplatten eine Kulisse für das fiktive Altchinesien gebaut hat, kann die Handlung beginnen. In regelmäßigen Einblendungen des Publikums hört man teils die satirisch zu begreifenden Aussagen, dass es dies ja so in Deutschland nicht geben würde, oder öfters die realistischere Einsicht, dass sich Altchinesien doch nicht viel anders anfühlt als das derzeitige Deutschland. Denn auch hier geht es wieder um die Politik des Immergleichen. Mit der Partei für Männer stellt sich das alteingesessene patriarchale und brutale Regime wieder her, sodass bei den nächsten Wahlen sich die Partei der Frauen dem entgegenstellt. Nach einem vergeblichen Versuch der Männer, die Lebensmittelabgabe so weit zu verzögern, bis der Wahltag vorüber ist und die Frauen ihre Chance vertan haben, gewinnt die Partei der Frauen die Wahlen und verdonnert die ehemaligen Machthaber und dessen Komplizen zur Hausarbeit bei kinderreichen Familien. Zuvor ergibt sich ein langatmiger Gerichtsprozess zwischen den mit seltsam exotisierenden, asiatisch konnotierten Zöpfen ausgestatteten Charakteren. Auf dem Schwarzmarkt werden Schweine gehandelt, obwohl das Halten dieser Tiere seit Neustem strengstens mit dem Tode bestraft wird. Die korrupte Partei der Männer versucht sich die letzten Schweine anzueignen und wird zuletzt ertappt. Der namensgebende große Mandarin (Paul Wegener), eine plakativ an vergangene Zeiten erinnernde Führerfigur, kann nämlich mit seinem Wahrheitsmonitor die wahren Gedanken dieser Politiker auf einen Bildschirm übertragen. In einer seltsamen Reflektion von Politik, Geschlechterverhältnissen, Alltagskriminalität und Überlebensstrategien wird so eine überspitzt satirische Bestandsaufnahme einer nicht allzu entfernten Welt geliefert.

Ganz nach dem Motto “nicht noch ein Trümmerfilm!” eines anderen metafilmisch angelegten Werk, Film ohne Titel (1948) von Rudolf Jugert,  wird versucht, eine andere Formensprache zu entwickeln, ohne im Eskapismus oder beim erhobenen Zeigefinger zu landen. Vielmehr ist es ein Stück weit beides, das hier vermischt, satirisch gebrochen und teils mit einer tiefen Eindringlichkeit für wahre Misslagen und Ängste präsentiert wird. Ohne die Wirkung von filmisch verarbeiteten Leiderfahrungen wie in In jenen Tagen (1947) von Helmut Käutner, Asylrecht (1949) von Rudolf Werner Kipp, Lang ist der Weg (1948) von Herbert B. Fredersdorf und Marek Goldstein oder Der Ruf (1949) von Josef von Báky zu schmälern, ist es eher das Experimentieren, Neuerzählen und anders Begreifen der gemeinsam geteilten Erfahrung, die aus der Monotonie des alltäglichen und filmischen Standards auszubrechen versucht.

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