Film zwischen Rausch und Verzweiflung

Sexsucht bezeichnet ein Krankheitsbild, das in schweren Fällen zwischen lustvollem Rausch und schmerzhafter Nüchternheit sowie dem Verlangen nach mehr verläuft. Dieses im Film eher selten anzutreffende Thema behandelt Regisseur Steve McQueen in seinem zweiten Spielfilm Shame. Wie sehr er imstande ist, das Leiden eines Menschen zu inszenieren, bewies er mit seinem formell überragenden und äußerst beklemmenden Spielfilmdebüt Hunger. Dieser beruht auf einer wahren Begebenheit und thematisiert den 1981 stattgefundenen Hungerstreik mehrerer Häftlinge im Maze-Gefängis in Nordirland. Bobby Sands – gespielt von Michael Fassbender – starb nach 66 Tagen ohne Nahrung, gezeichnet von den Misshandlungen der Wärter und den körperlichen und geistigen Symptomen des Nahrungsentzugs.

In Hunger wie auch in Shame dient der Leib als Abbild der Außen- und Innenwelt. So geht McQueen nah an die Menschen heran und zeigt auch mal nur einen kleinen Teil des Körpers. Sands Abschied von seiner Mutter am Ende von Hunger wird durch die Nahaufnahme seines halboffenen Auges in Szene gesetzt, das den baldigen Tod und die Abschiednahme ankündigt. Es fällt ihm schwer, das vor Anstrengung zitternde Auge offen zu halten und seine Mutter, die neben ihm auf einem Stuhl sitzt, ein letztes Mal anzusehen. Im Moment seines Todes blickt Bobby dann uns, den Betrachtern, direkt in die Augen, akustisch unterlegt von seinem letztem Atemzug und einer verzerrten Synthfläche; selten wurde der Tod im Film in solch eindringlicher und persönlicher Weise dargestellt.

Die Atmung spielt auch in Shame eine zentrale Rolle. Diese hängt hier mit der bitteren Selbsterkenntnis über die Abhängigkeit von Körper und Geist zusammen. Denn wenn sich Brandons Puls – auch hier im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert von Michael Fassbender – nach dem Sex normalisiert und der verlangsamte Takt des Atmens den Abklang der Ekstase markiert, dann ist das für ihn ein überaus problematischer Moment. In diesem Sinne bedeutet sein Orgasmus – gleichzeitig ein Höhe- und Tiefpunkt – das Erwachen aus einem Rausch und die darauf folgende Kollision mit seiner Suchterkenntnis und dem Gefühl von Einsamkeit, welches er jedes Mal erneut durchleiden muss.

Letztere ist ein Symptom Brandons Hypersexualität. Immer wieder versucht er, eine Beziehung einzugehen, scheitert jedoch aufgrund der emotionalen Komponente. Alles was er hat, ist seine Arbeit und seine pathologisch-sexuellen Ausschweifungen. Als ihn unangekündigt seine Schwester Sissy (Carey Mulligan) besucht, die ebenfalls ihren Problemen nicht gewachsen ist, überfordert ihn das maßlos. Sie sei eine Belastung für ihn, sagt er. Jedoch merkt man sofort, dass er sich in ihr spiegelt, auf diese Weise sich selbst beschimpft, sich selbst eine Last ist. Als er sie in einer Bar singen hört, kommen ihm die Tränen; ein Ausdruck seiner Liebe zu ihr, mit der er aber nicht umgehen kann.

Die Stärke des Films ist die glaubwürdige und drastische Darstellung des sexuell induzierten Rauschs und der Unerträglichkeit des nüchternen Alltags. Geschlechtsverkehr ist für Brandon eine Flucht aus letzterem. So besteht die Leinwand auch mal vollständig aus sich windenden Körpern, in denen er sich regelrecht vergräbt und für kurze Zeit sein Glück zu finden scheint. Der Sex wirkt jedoch zu jeder Zeit mechanisch, unbefriedigend, ja schmerzhaft, was in seinem stark verzerrten und erschöpft wirkenden Gesicht zum Ausdruck kommt. Seine Not zeigt sich besonders dann, wenn er zwanghaft unter der Dusche oder sogar auf der Toilette am Arbeitsplatz onaniert. Hier merkt man ganz eindeutig, dass er gar nicht anders kann und die Kontrolle über sich und seinen Körper verloren hat.

Letztendlich erreicht Shame jedoch nicht die Qualität von Hunger. Das liegt zum einen daran, dass ersterer vergleichsweise konventionell erzählt ist und sich als weniger interessant in Aufbau und Montage entpuppt. Zum anderen nimmt Brandons Wirkung auf Frauen fast schon ein mystisches und unwirkliches Ausmaß an. Bei manchen genügt schon ein Blick und sie sind ihm regelrecht verfallen. Das wirkt stellenweise etwas zu sehr gewollt, zumal es nicht nur bei einer Eroberung – neben einigen Prostituierten – bleibt und sich das praktisch durch den ganzen Film zieht. Nichtsdestotrotz hat Steve McQueen einen starken Film abgeliefert, der aufgrund der vereinnahmenden, hypnotischen Bilderfluten, den sehr guten Schauspielern und der herausragenden visuellen Inszenierung seine Wirkung keinesfalls verfehlt.

Shame, USA 2011, 99′
Regie: Steve McQueen
Drehbuch: Steve Mcqueen, Abi Morgan
Kamera: Sean Bobbitt
Darsteller: Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale, Nicole Beharie
Verleih: Prokino Filmverleih
Kinostart: 01.03.2012

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