Fikkefuchs

Fikkefuchs spielt sich wie ein Kampf des Regisseurs Jan Henrik Stahlberg gegen eine zwanghaft moralisierende deutsche Kinolandschaft und bleibt als Hybrid zwischen wagemutiger Ästhetik und altbackener Predigt von Familienwerten auf ärgerliche Weise ambivalent. Wie ein domestizierter Lars von Trier, der beim Versuch aus der Zwänge des Mainstreams auszubrechen mit klassischer Musik begleitet wird, bleibt Stahlbergs neustes Werk vor den Erwartungen eines tabulosen, wilden Abenteuers zurück und drängt den Feminismus zurück “in die Küche und das Schlafzimmer”.

Mit Weisheiten wie “Bei Mercedes ist die Vorfahrt eingebaut, bei allein erziehenden Müttern der Vorwurf” versucht Rocky (Jan Henrik Stahlberg) seinem unerhofft wiedergekehrten Sohn Thorben (Franz Rogowski) die Welt der Verführung näherzubringen, wobei alle Anzeichen davon zeugen, dass er selbst schon seit langer Zeit diese Spähre nicht mehr anzukratzen vermag (falls er überhaupt jemals in dessen Nähe kam). Konsequenterweise scheitern alle Selbstversuche an den Frauen der Stadt und ernüchtert müssen beide feststellen, dass sie sich auf dem Gebiet wohl nicht auf der Höhe der Zeit befinden. Statt sich den zeitgenössischen Entwicklungen anzupassen erklären sie sich begleitet von für den Topos klischiertem Soundtrack von Taktloss, MC Bomber und SXTN zu den Rettern der Männlichkeit und zur Bastion gegen einen angeblich beobachteten Feminismus, der eher an elementare Menschenwürde und Common Sense erinnert. Mit Hypermaskulinität und abstoßenden sexuellen Annäherungen ziehen die beiden durch eine angeblich postfeministische Welt, die ihre Definition darin findet, dass Frauen sich anmaßen nicht jedem plump-primitiven Mann ohne mit der Wimper zu zucken ins Bett zu folgen. Thorben versucht es zeitgleich mit den neuen Medien – mit Guerillataktiken streift er durch die öffentlichen Parks und fotografiert alles, was weiblich und halbwegs nackt aussieht. Da kommt es schon einmal vor, dass man das Denkmal für die ermordeten Juden in Berlin mit einem Lustgarten verwechselt, in dem sich willige Frauen auf Männersuche machen. Auch kann er selbstverständlich nichts für seine versuchte Vergewaltigung, wenn die Kassiererin bei Rossmann mal wieder provokant einen – seiner Meinung nach – zu weiten Ausschnitt trägt. Sinngemäß: “Wenn sie es nicht will, warum geht sie dann so zur Arbeit?”. Was soll man davon halten? Ist das Satire oder zynische Ernsthaftigkeit getarnt hinter den Masken zweier dysfunktionaler Männerfiguren? Da ist der Antiintellektualismus natürlich auch nicht weit. So schneidet man Rockys Vorlesungen aus einem Fachbuch zur Sexualität als Gag-Reel zusammen, um die angebliche Absurdität der Aussagen zu untermauern.

Umso verwirrender und ärgerlicher ist es dann, wenn der Film zum Ende nochmal mit einer Persiflage der Pick-Up-Szene auftrumpfen kann. Ein weiblicher Con-Artist gibt vor in bezahlten Workshops einer Männergruppe die Kunst des Verführens beizubringen und prompt rennen die besagten Männer in klischeebeladenen Maskeraden von Männerbildern herum, die eher an Karneval als an echte Menschen erinnern. Auch eine überlange Sexszene zwischen Thorben und einer fülligen Prostituierten wird zum Spektakel. Die beiden wälzen sich in seinem engen Auto von einer Stellung in die nächste und versuchen im Gestus der Pornografie so viele und so ausgefallene wie möglich durchzuarbeiten. Die Nähe der Kamera lässt dabei stellenweise die Körper sich als Solche auflösen und man blickt eher auf hautfarbene Fleischmassen als auf menschliche Akteur*innen. Leider stellt der unfruchtbare Gesamtkontext keinen angemessenen Rahmen dar, um die Szenen zu einem distanzlosen Genuss werden zu lassen.

Wie also lassen sich zwei solche Protagonisten für ein Publikum tragbar machen? Durch den unzertrennlichen Bund zwischen Vater und Sohn natürlich, der all die Demütigungen und nächtlichen Abstürze überlebt. Als perverses Happy End fahren die beiden dann noch ihre eigenen Taten belohnend in den Urlaub und werden beide sexuell fündig. Von daher muss auch davon ausgegangen werden, dass die vorhergegangenen Handlungen durch Männer- bzw. Familienbund zu relativieren seien und das alles nur als Symptom einer eingeengten Männlichkeit im feministisch geprägten Jetzt zu verzeichnen ist. Fikkefuchs lässt einen fragend zurück und erlaubt einen nostalgischen Rückblick auf die späten 90er, in der der angebliche Angriff auf die Männlichkeit eigentlich schon ad acta gelegt wurde.

Fikkefuchs, Deutschland 2017, 101 Min.
Regie, Buch & Schauspieler: Jan Henrik Stahlberg
Buch: Wolfram Fleischhauer
Kamera: Ferhat Topraklar
Schauspieler: Franz Rogowski, Thomas Bading, Susanne Bredehöft

Kinostart: 16.11.2017

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