Fehler im Detail

zero-dark-thirty1Mit Verfilmungen von realen Begebenheiten ist es immer so eine Sache. Der Anspruch, ein Ereignis möglichst authentisch aufzuarbeiten, damit Teil einer Geschichtsschreibung zu werden und in diesem Sinne Erinnerungsarbeit zu leisten, scheitert nicht selten an Details. Diese können zum Verhängnis werden, weil sich nicht nur die Fachpresse gerne auf eben diese Einzelheiten stürzen, sondern vor allem auch Gruppen, Verbände und Institutionen, die in solchen Filmen Erwähnung finden oder agieren. Hier stellt sich nun die Frage, wie man einen Film handhabt, der zwar formal wie inszenatorisch hervorragend ausgefallen ist und spannungsgeladen erzählt, jedoch besonders in einem Abschnitt aufgrund einer äußerst unreflektierten Herangehensweise Ärgernis erregt – vor allem, weil das Thema ein schwieriges und kontroverses ist.

Auf Kathryn Bigelows Zero Dark Thirty, der die Geschehnisse rund um die Jagd der CIA nach Osama Bin Laden bis hin zu seiner Erschießung auf seinem Anwesen in Abbottabad, Pakistan durch eine Gruppe Navy Seals umreißt, treffen die eben genannten Stärken ebenso zu, wie auch der gennante negative Aspekt. Dieser stellt die positiven Punkte zwar nicht gänzlich in den Schatten, seine Stellung als gefeiertes Meisterwerk hat der Streifen meines Erachtens nach aber nicht verdient. „Gripping, suspenseful, and brilliantly crafted, Zero Dark Thirty dramatizes the hunt for Osama bin Laden with intelligence and an eye for detail.”, lautet der Konsensus auf Rotten Tomatoes. Ich würde dem bis auf das hochgelobte Auge für Details zustimmen, welches Bigelow wohl ausgerechnet dann zur Hälfte schloss, als sie sich dem Gegenstand der Folter annahm, die in der ersten halben Stunde des Films eine ausgedehnte Rolle spielt.

zero-dark-thirty-weekend-box-office

Zero_Dark_Thirty_-_still

Problematisch ist aber nicht etwa die Visualisierung der Folter an sich. Verherrlicht oder als plumpes reißerisches Element herangezogen wird sie ebenso wenig. Die Einbettung jener in den Gesamtkontext des Films als erfolgreiches Element der Spurensuche ist vielmehr die Krux, mit der sich Bigelow und die Produzenten nun auseinandersetzen müssen. “Kein Waterboarding – kein Bin Laden.”, schreibt der Spiegel und weist damit auf den kausalen Zusammenhang hin, wie man ihn im Film vorgesetzt bekommt. Kritik hagelt es besonders von ganz oben, nicht nur der republikanische US-Senator John McCaine beschwerte sich bei Sony Pictures über die Foltersequenzen. (Näheres erfahrt ihr hier). Natürlich spielt man jetzt mit dem Gedanken, der sowieso schon diffus agierenden Regierung Amerikas Vertuschungsversuche zu unterstellen. Und im Diskurs darüber, ob Foltern wirklich zum Erfolg führte, herrscht scheinbar keine Einigung, was auch auf die Frage zutrifft, ob sie überhaupt eingesetzt wurde. Eines ist aber sicher: Bigelow hätte mit ihrer filmischen Abhandlung der Folter-Thematik ebenso nebulös bleiben sollen, wie die aktuelle Diskussion über das Ob und Wie. Hätte Foltern im Film nicht zum Erfolg geführt oder wäre zumindest zur Sprache gekommen, dass Erfolge keineswegs garantiert sind bzw. trotz Marter auch Fehlinformationen gegeben werden, hätte dies dem ansonsten gelungenen Werk mehr als gut getan.

zero-dark-thirty-2012-pic04Denn als ebenso ehrgeizig und verbissen wie Maya (Jessica Chastain) – CIA-Agentin und Hauptdarstellerin im Film, die sich die Jagd nach Osama zur Lebensaufgabe macht – erweist sich unumstritten auch die Regisseurin. Besonders der Zugriff auf Bin Ladens Anwesen ist brillant und erfreulicherweise zurückhaltend inszeniert, ausgenommen vielleicht die nächtliche Annäherung der Seals an Bord pechschwarzer Kampfhubschrauber, die etwas allzu sehr majestätisch über dem Landstrich kreisen. Zero Dark Thirty ist jedoch kein Actionfilm mit Heldfiguren, sondern ein Kriegsdrama, in dem klar gemacht wird, dass Krieg – in diesem Falle der gegen den Terrorismus – im Grunde eine Form von Arbeit ist. Dementsprechend routiniert erledigen Die Navy Seals ihren Job, der einer von vielen ist und am Ende einer langen Kette an Recherchen, Verhören und Spionageaktivitäten steht, deren Glieder Bigelow akribisch miteinander verknüpft, wobei ihr jedoch das eine oder andere Fragment unter den Tisch fällt.

1.17918343.1357156928Am Schluss des Films und damit am Ende einer zehn Jahre dauernden Jagd sitzt Maya alleine in einem Transportflugzeug, Tränen laufen ihr die Wangen herunter. “Wie geht es jetzt weiter?”, scheint sie sich zu fragen. Diese Frage muss sich gezwungenermaßen auch Bigelow stellen, denn die Debatte über ihren Film scheint noch lange nicht abgeschlossen zu sein. Zero Dark Thirty ist eben nicht einfach nur ein Film, wie sie behauptet, zumal ein Schriftzug die anstehende Auseinandersetzung mit wahren Ereignissen ankündigt und Bigelow zudem behauptet, auf Originaldokumente zurückgegriffen zu haben. Darüber hinaus kommt mehrfach dokumentarisches Material zum Einsatz.

So ist Zero Dark Thirty im Grunde ein unreflektierter Versuch, eine sibyllenhafte Wahrheit nachzustellen, verpackt in einem hochspannenden und glaubwürdig gespielten Stück Zelluloid, das sich jedoch aus genannten Gründen als ernstzunehmende Abhandlung eines real stattgefundenen Begebnisses selbst sabotiert.

Zero Dark Thirty, USA 2012, 157′
Regie: Kathryn Bigelow
Drehbuch: Mark Boal
Kamera: Greig Fraser
Darsteller: Jessica Chastain, Jason Clarke, James Gandolfini, Jennifer Ehle
Verleih: Universal Pictures Germany
Kinostart: 31.01.2013

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>