Es werde Stadt! – 50 Jahre Grimmepreis in der Stadt Marl

Das fünfzigste Jubliäum des Grimmepreises zum Anlass nehmend beginnen Dominik Graf und Martin Farkas mit unterschiedlichsten Protagonisten der deutschen Fernsehlandschaft und Filmkritik eine stark subjektiv gefärbte und damit hoch eindrückliche Reise durch die deutsche Fernsehgeschichte. Während die historische Entwicklung des Austragungsortes des Grimmepreises Marl von seinem Auf- und wieder Abstieg zusammen mit den geographischen und zeitlichen Wellenbewegungen der Fernsehgeschichte eher als Hintergrund dient, bedienen sich die Autor*innen und Interviewpartner*innen dieser Kulisse, um ihre eigenen Erfahrungen zu reflektieren, kritisieren und romantisieren.

Dabei kommt die gegenwärtige Fernsehkultur schlecht weg. Nicht nur muss sich die Grimme-Jury das Dschungelcamp über sich ergehen lassen, sondern gleichsam scheint diese mediale Spate in der Logik einer klischierten und fast naiven Narrative unter dem Druck marktwirtschaftlicher Interessen und quantitativer Auswertungen in sich zusammenzubrechen. Organisatorische Fehlentscheidungen lassen große Medienparks in kürzester Zeit entstehen und wieder untergehen und künstlerische Positionen in der Medienmaschinerie verlieren ihre relative Autonomie zugunsten planungstechnischer Vereinheitlichungen. Inhalt, Format, Länge und Zielgruppe werden in einer stagnierenden Engführung normiert statt wie zuvor auf Grundlage künstlerischer Entscheidungen variiert. Davon zeugen nicht nur die mit langjähriger Berufserfahrung ausgestatteten Talking Heads und die beweiskräftigen Fernsehausschnitte, sondern vor allem auch der Blick in die Vergangenheit.

Die romantisierende Rückbesinnung auf einen experimentellen, freieren Urzustand des Fernsehens ist zwar ähnlich klischiert, aber dafür vielfach effektiver. Mit einer selten zu beobachtenden Liebe zur Sache widmen sich die Autor*innen mit ihren Interviewpartner*innen einer passionierten Aufarbeitung des Fernsehens ihrer Jugend. Formate wie Der Kommissar, Das kleine Fernsehspiel oder Programmblöcke sprengende Fernsehproduktionen wie Sohrab Shahid SalessGrabbes letzter Sommer werden zu Zäsuren einer avantgardistischer Epoche hochstilisiert und in ihren Eigenarten analysiert. Die Varianz und Heterogenität in ästhetischen Mitteln, Durchbrechungen der vierten Wand, die kurzen, aber ikonischen einleitenden Ansagen vor Spielfilmausstrahlungen und die Dominanz von Fassbinder, Kluge und anderen machten das Fernsehen zum Leitmedium und löste damit nicht nur das Hollywoodkino, sondern das Kino allgemein ab. Unzähliche Beispiele, Ausschnitte, Anekdoten und Experimente später ergibt sich ein Bild einer utopischen, verlorenen Zeit, in der Avantgarde und Massenunterhaltung eins waren, zur besten Sendezeit Fernsehkultur dominierten und große Namen hervorbrachten. Und entsprechend lautet auch die abschließende These der zweieinhandstündigen Dokumentation: Die ursprüngliche Trennung von Avantgarde und Mainstream, von High und Low fand für einen kurzen historischen Moment eine Allianz, um in der Gegenwart wieder verloren und auseinander zu gehen. Was bleibt sind die nostalgischen Erzählungen und eine mühsame Archivarbeit.

Im Aufbau schafft Es werde Stadt! eine gekonnte Montage aus Archivmaterial, Interviews und Originalaufnahmen der zu besprechenden Orte. Dem Fernsehen ähnlich wählt er dabei eine ständige Rückkehr zu einem gesetzen Anfang. So wie die Serienlogik von Folge zu Folge immerfort zum strukturellen Ursprung oder zur basalen Charakterkonfiguration zurückkehrt, wählt die Dokumentation das Jahr 1989 als nicht nur politische, sondern auch als kulturelle Wende aus, um auf dieser Grundlage Zeitsprünge nach vorne und nach hinten zu unternehmen. Wie sah Fernsehen vor diesem Bruch aus? Wie danach? Wie funktionierten Produktionsfirmen? Welchen Maximen gehorchte das Fernsehen vor und nach dem Mauerfall? Immer wieder dient die Verleihung des Grimmepreises 1989 und die damalige politische Lage einen Vorwand, um darauf aufbauend neue Narrativen über das Fernsehen zu stricken. Mal verteufelnd und wehmütig und anderermals schwärmerisch und utopisch. Mit seiner enormen Länge, der Hommage an tradierte Fernsehstrukturen und der unkonventionellen, seltenen Offenheit von fest etablierten Akteur*innen aus der Branche in ihren kritischen wie auch persönlichen und idealisierenden Stellungnahmen kann das Gefühl nicht ignoriert werden, dass auch die Dokumentation selbst einen rückwärtsgewandten Schritt versucht, um etwas Verlorenes und Geliebtes wiederzuholen.

Es werde Stadt! – 50 Jahre Grimmepreis in der Stadt Marl, D 2014, 154 Min.
Regie & Drehbuch: Dominik Graf, Martin Farkas
Kamera: Martin Farkas, Roman Schauerte
Sprecher*innen: Jeanette Hain, Philipp Moog, Martin Umbach
Verleih & Bildrechte: Megaherz TV Fernsehproduktion GmbH

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