Enemy – „Chaos ist Ordnung, jedoch unentschlüsselt.“

Von Natalie Wilke

Enemy 4Enemy ist ein Film, der seinen Zuschauer orientierungslos durch eine surrealistische Welt taumeln lässt und ihm jegliche logische Herangehensweise auf der Ebene der Narration verweigert. Dem kanadischen Regisseur Denis Villeneuve, welcher bereits in Prisoners (2013) mit Jake Gyllenhaal zusammengearbeitet hat, gelingt es, den Betrachter immer wieder in dem Glauben zu lassen, dass er nun endlich verstanden hat, was hier passiert. Dieser Zustand des vermeintlichen Verstehens hält jedoch nicht an. Villeneuve scheint sich bewusst dafür entschieden zu haben, nicht die eine Lösung auf dem silbernen Tablett zu servieren und keinen „Aha-Effekt“ zuzulassen, sondern den Zuschauer vielmehr mit auf eine Reise zu nehmen, die ins Ungewisse führt und dort auch ihr Ende findet.

Das in der Exposition zitierte Chaos ist Programm: Ein um die 30-jähriger, attraktiver, bärtiger Mann, befindet sich zusammen mit anderen Männern in dunklen, geheimnisvollen Räumen mit Spiegeln und gelben Schatten – das zumindest lässt die erste Szene, welche aus einer Aneinanderreihung von Detailaufnahmen besteht, vermuten. Wir sehen die Haut einer Frau in der Nahaufnahme, zarte Härchen stellen sich auf, dann die lüsternen Gesichter der Männer, nackte Frauen – und eine Vogelspinne auf einem silbernen Tablett. Haben wir es hier mit den Ritualen eines Geheimbundes à la Eyes Wide Shut (1999) zu tun und wird die Frau, welche die Vogelspinne mit ihren mörderisch hohen High-Heels zertritt, gleich Teil einer ritualisierten Sexorgie sein? Wir werden es, wie so vieles in diesem Film, nie erfahren. Noch bevor sich der Zuschauer erschließen könnte, was hier vor sich geht, kommt es zu einem abrupten Szenenwechsel. Statt einem klaren Anhaltspunkt oder einem aufschlussreichen Dialog (danach muss man sich nicht sehnen, kann man aber) offeriert Villeneuve den Zuschauern nichts als Bilder, unzählige Anspielungen, Rätsel und Referenzen.

Doch wie könnte man, wenn man es denn will, eine Ordnung in diesen Film bringen und wovon handelt er? Der Protagonist des Filmes ist der Geschichtsprofessor Adam Bell. Er führt ein langweiliges Leben, das einer Dauerschleife gleicht. In seinen Vorlesungen thematisiert er die Thesen Hegels und anderer großer Philosophen, in seiner Freizeit korrigiert er die Arbeiten seiner Studierenden und schläft routiniert mit seiner Freundin Mary (Mélanie Laurent), mit der er nur das Nötigste spricht. Eines Tages verwickelt ihn ein Kollege in ein völlig aus dem Zusammenhang gerissenes, Enemy 5kurzes Gespräch über Filme. Obwohl Filme ihm laut eigener Aussage nicht so viel sagen, leiht sich Adam die DVD einer Komödie, die sein Kollege empfohlen hat. Lustlos schaut er sich den Film auf seinem Laptop an, als er plötzlich merkt, dass einer der Darsteller ihm extrem ähnlich sieht – so ähnlich, wie es nur bei einem Zwilling oder gar Klon möglich wäre. Auch die Stimme des drittklassigen Schauspielers gleicht seiner vollkommen. Fassungslos starrt Adam auf den Bildschirm. Er beginnt, seinen Doppelgänger Anthony Claire zu suchen und es gelingt ihm, dessen Adresse in Erfahrung zu bringen. Nach einigen erfolglosen Telefonaten, vereinbaren die beiden schlussendlich ein Treffen in einem Stundenhotel. Eine Entscheidung, die im Laufe des Filmes noch ungeahnte Folgen für beide haben wird.

Die Handlung selbst tritt in diesem Film auf eine bemerkenswerte Art und Weise in den Hintergrund. Es ist fast irrelevant, ob Adam schizophren ist, was genau es mit seinem Doppelgänger Anthony auf sich hat und wofür die riesige Spinne, welche stark an die Skulptur “Maman” von Louis Bourgeois erinnert, nun genau steht. Vielmehr geht es um den Erfahrungsraum, welchen dieser Film aufmacht, um die Empfindungen, die er beim Zuschauer ermöglicht. Dieser fühlt sich, als wenn er selbst Teil dieser endlosen Dauerschleife immer gleicher Schauplätze wird. Er fängt an, nicht zu wissen, woran er sich orientieren soll. Die Musik scheint ihm vorzugeben, dass jetzt Spannung empfunden werden soll – bum bum bum wummert sie unruhig vor sich hin. Doch die Spannung will nicht aufkommen, Bild und Ton verlaufen teils vollkommen disharmonisch zueinander.
Enemy 3Enemy 1Spannend ist Enemy nicht, eher langsam und aktionsarm, aber er schafft es trotzdem, den Zuschauer zu affizieren. Enemy zu sehen, heißt sich selbst ein stückweit zu quälen, sich der Logik und detektivischen Aufmerksamkeit berauben zu lassen und immer wieder enttäuscht zu werden. Wenn man dies jedoch einmal verstanden hat und sich der Bildsprache des Filmes öffnet, fällt vor allem eins auf: fast jede Szene wird durch Aufnahmen von Hochhäusern, welche die Schauplätze durch ihr massives Dasein dominieren, gebrochen. Zu sehen sind diese aus den verschiedensten Blickwinkeln: mal extrem steil von oben, dann in der Vorderansicht, oder wie aus dem Helikopter aufgenommen. Die zahlreichen Aufnahmen der trostlosen, beinahe menschenfeindlichen Wolkenkratzer Torontos können als zentrales Mittel interpretiert werden, den Seelenzustand Adams’ (und auch Anthonys’?) in eine bildliche Sprache zu übersetzen. Die gelb-grauen Gebäudefassaden mit einer schier unendlichen Anzahl von Fenstern, die sich wie Bienenwaben über die Bildfläche erstrecken, wirken bedrohlich und verlassen. Die Kamera richtet sich immer wieder auf die Architektur dieser Stadt, in der Feindschaft und Freundschaft nah beieinander zu liegen scheinen.

Die gelblichen Bilder, vermutlich Resultat eines Sepia-Filters, welcher jedoch kühler und aggressiver wirkt als beispielsweise bei Her (2013), sind mal verschwommen, staubig und neblig und mal ganz klar und gestochen scharf. Genau so verhält es sich mit der Rezeption dieses Filmes: mal ist man hochaufmerksam und beeindruckt von den Schauspielkünsten Gyllenhaals, welcher es mit nur wenigen Gesten schafft, Adam und Anthony ganz klar voneinander zu unterscheiden. Ein anderes Mal gerät man in einen dämmerigen Zustand und langweilt sich ganz furchtbar.

Wer nicht weiß, ob er bereit ist, sich auf einen Film einzulassen, der einen auf der Inhaltsebene völlig im Unklaren lässt und ihn stattdessen wie einen Spielball hin und her wirft, für den bietet Enemy in jedem Fall eine gute Gelegenheit zur Selbststudie.

Enemy, Spanien/Kanada 2013, 90′
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Javier Gullón
Kamera: Nicolas Bolduc
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Mélanie Laurent, Sarah Gadon, Isabella Rossellini
Verleih: capelight pictures

2 Responses to “Enemy – „Chaos ist Ordnung, jedoch unentschlüsselt.“”

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>