Embrace of the Serpent

Der Film ist wie zwei mal “Heart of Darkness”: zwei mal, Anfang des 20. Jahrhunderts und gut 30 Jahre später fährt eine Expedition einen Fluss entlang, und wird zunehmend Zeuge des dort herrschenden Wahnsinns und der Vernichtung. Nur dass es sich bei Embrace of the serpent weder um den Kongo noch um Vietnam handelt, sondern um den Amazonas in Kolumbien und die Ausrottung der dort lebenden indigenen Völker im Zuge der Kautschuk-Gewinnung.
Es ist ein Ethnograf aus Tübingen, der mit dem Schamanen Karamakate und einem Freund den Fluss entlang fährt auf der Suche nach einer speziellen Blüte, das einzige, was ihn von einer tödlichen Krankheit heilen kann. Karamakate, der Führer der Expedition, ist zunächst skeptisch, da die Weißen verantwortlich für die Ausrottung seines Stammes sind, aber im Verlauf der Reise kommen sich Theodor Koch-Grunberger und er näher. Immer wieder treffen sie auf Spuren von Tod und Zerstörung, die die Kautschuk-Barone auf der Suche nach dem weißen Gold hinterlassen. Der Höhepunkt findet in einer Mission statt, in der ein einzelner Mönch Dutzende von Kindern in spanischen und lateinischen Gesängen unterrichtet und sie auspeitscht, wenn sie ihre eigene Sprache sprechen. Die Situation eskaliert, als man endlich in dem Dorf ankommt, in dem der Baum mit den heilenden Blüten steht: die Bewohner sind dort bereits westlich gekleidet, und als man eintrifft, wird das Dorf von Kolumbianern überfallen, am Ende steht der Baum in Flammen.
1940, 30 Jahre später, kommt ein amerikanischer Forscher wieder in die Gegend, weil er das Buch von Koch-Grunberger gelesen hat. Auch er trifft auf Karamakate, und wieder fahren sie den Fluss entlang, denn auch dieser Forscher möchte das Geheimnis der Blüten kennenlernen. Sie steuern dieselben Orte an, in der ehemaligen Mission ist jetzt ein Kurtz-ähnlicher Mann, der sich für den Messias hält, sich von den Menschen dort anbeten lässt und sie nach Lust und Laune umbringt …
Das Besondere an Embrace of The Serpent ist, dass Ciro Guerra diese zwei Geschichten parallel erzählt und ineinander verwebt. So entsteht eine “gleichortigkeit”, die den Aspekt der Wiederholung verstärkt: die Ausbeutung und Zerstörung als eine nicht endende Geschichte. Der Film erinnert damit aber auch an einen anderen, ebenfalls in diesem Jahr in Cannes uraufgeführten Film zum Thema der Zeitreise: Apichatpong Weerasethakuls Cemetery of Splendor, bei dem auf einem Armeestützpunkt die Geschichte, die dort vor 2000 Jahren geschehen ist, verhandelt wird. Doch wo Weerasethakul das Phantastische seiner Geschichte allein in die Narration verbannt und die bestechend realistischen Bilder frei davon hält, geht Ciro Guerras Film am Ende in Jodorowskyscher Bewusstseinserweiterung auf. Denn dem neuen Forscher ist es im Gegensatz zu seinem Vorgänger am Ende der Reise vergönnt von dem Rausch zu probieren, woraufhin bunte abstrakte Bilder in den ansonsten schwarz-weiß fotografierten Scope-Film hereinbrechen. Somit wird dann doch eine Chronologie behauptet, die den Rausch als das Erkenntnisziel formuliert.
Die Texttafel am Schluss des Films, die ihn all den Gesängen der Völker widmet, die man nie mehr hören wird, ist besonders auf den Schluss bezogen irritierend. Denn der Film endet mit dem Rausch des Amerikaners, Karamakate ist verschwunden, wie überhaupt in beiden Episoden die Weißen die zentralen Figuren bleiben, da sie Probleme haben, sich rechtfertigen müssen und im Film dafür arbeiten müssen, nicht als die Mörder identifiziert zu werden, die sonst die Weißen in der Gegend repräsentieren. Auch wieder Raum, der den indigenen Kulturen weggenommen wird …

Sektion Neues Internationales Kino
El Abrazo de la Serpente, Kolumbien 2015, 122’
R: Ciro Guerra
K: David Gallego
mit Jan Bijvoet, Antonio Bolivar, Nicolás Cancino
Verleih: Films Boutique

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