Eine verhängnisvolle Affäre… – The Housemaid (Hyeon) (Il Cinema Ritrovato 2019)

Eine Kritik von Lynn Luise Zuber

Im Rahmen des historischen Filmfestivals „Il Cinema Ritrovato“ 2019 wurde der Film The Housemaid (Originaltitel: Hyeon) des südkoreanischen Filmregisseurs Ki-young Kim (* 10. Oktober 1919 in Seoul; † 5. Februar 1998) gezeigt. Er ist für seine psychosexuellen und melodramatischen Horrorfilme bekannt. The Housemaid ist Ki Youngs zweites Werk, welches 1960 erschien und bis heute zu den beliebtesten koreanischen Filmen zählt.

Die Geschichte spielt sich anfangs im traditionellen melodramatischen Rahmen ab, nimmt jedoch im Laufe der Handlung immer bizarrere Formen an. Das Geschehen beginnt in einer Fabrik, in der Musiklehrer Dong-Shik (Jin Kyu Kim) die jungen Arbeiterinnen unterrichtet. Im späteren Verlauf wird das Wohnhaus der Familie Dong-Shik zum Hauptschauplatz.

Protagonist Dong-Shik ist Musiker und Familienvater, seine Familie besteht aus seiner Ehefrau (Jeung-nyeo Ju), seinem Sohn und seiner Tochter, die an einer Gehschwäche leidet. Seine Frau übernimmt in der Familie die traditionelle Rolle der Hausfrau, nebenbei näht sie zusätzlich, um ihre Familie finanziell zu unterstützen. Als sie eines Tages unter all ihren Pflichten zusammenbricht, beschließt ihr besorgter Ehemann, sie zu entlasten und beauftragt eine seiner Musikschülerinnen, der er auch private Klavierstunden gibt, ihm eine passende Haushaltshilfe zu suchen, die seine Frau zuhause unterstützen soll. Die hilfsbereite Miss Kyung Hee Cho (Aeng-ran Eom) stellt ihm kurz darauf eine junge Frau aus der Fabrik vor, die für die Familie arbeiten möchte, um Geld zu verdienen.

Von Anfang an verhält sich das junge Hausmädchen eigenartig. Trotz Skepsis beschäftigt Dong-Shik sie weiter als Hausmädchen. Doch mit der Zeit wird das Hausmädchen immer aufdringlicher und macht dem Familienvater immer öfter Avancen. Der pflichtbewusste Familienvater versucht diese Annäherungen anfangs noch energisch abzuwehren. Doch sie lässt nicht nach, und so kommt es in einer verhängnisvollen Nacht zu einer Liaison zwischen dem Familienvater und dem Hausmädchen. Sichtlich geplagt von seinem schlechten Gewissen, bekommt er nur wenige Monate später die Konsequenzen zu spüren. Das Hausmädchen ist schwanger, zur selben Zeit wie auch Dong-Shiks Ehefrau, mit der er die Familienplanung noch nicht abgeschlossen hatte. Die schwangere Ehefrau wird misstrauisch und deckt den Verrat ihres Ehemannes auf. Besorgt um ihren Ruf, ihre Ehe und ihre Familie, nötigt das Ehepaar das Hausmädchen, das ungeborene Kind abtreiben zu lassen. Dong-Shiks Ehefrau dagegen bringt kurze Zeit später einen gesunden Jungen zur Welt. Die Wut über den Verlust ihres Kindes und die Rücksichtslosigkeit der Familie wächst, und so beschließt das Hausmädchen, sich an der Familie zu rächen. Das Drama nimmt seinen Lauf…

Besonders wichtig für Rezeption des Films ist der zeitgeschichtliche Hintergrund. Korea war in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts geprägt von politischem Chaos, das auch die Filmbranche nicht unbeeinflusst ließ. Politische Ereignisse wie die April-Revolution (1960) prägten die koreanische Gesellschaft. Die Filmfabriken waren gesteuert durch Systematisierung und Regulierung, ausgeübt durch den koreanischen Staat. Besonders als Mittel der Propaganda machte sich die Regierung filmische Mittel nützlich. Einige Jahre später, Ende der 70er Jahre, spielte auch die Zensur durch das Militärregime eine ausschlaggebende Rolle.

Zu dieser Zeit produzierte Regisseur Ki-young Kim mit The Housemaid einen 112 minütigen Film, der mit den Konventionen des damals populären Melodrams brach. Die Schiebetüren des Wohnhauses öffnen und schließen sich durch den Film und lassen einige Szenen wie einzelne Theaterakte erscheinen. Am wohl Unkonventionellsten erscheint der geschickt eingebaute Plot-Twist, der zum Ende des Filmes, das gesamte grausame Drama, in eine Art Werbespot gegen die Untreue konvertiert. Das Drama wandelt sich in eine Komödie als der Protagonist seinen Blick direkt in die Kamera wendet und zum Betrachter spricht. Er warnt den Zuschauer vor den Konsequenzen von ehelicher Untreue. Der Film betont die Tugend der Treue, moralisiert, aber vor allem unterhält das Publikum mit einem gelungenen Spannungsaufbau, der zum Schluss durch den Plot-Twist aufgelöst wird und so im komödiantischen Höhepunkt gipfelt.

Der Schwarz-weiß-Film wurde 2008 restauriert. Hauptsächlich wurden die alten Untertitel vom originalen Filmmaterial entfernt. 20 Minuten des Originalfilms fehlten und konnten deshalb nicht mehr restauriert werden. Es ist charakteristisch für die Geschichte des Kinos, dass Filmmaterial verloren geht. Viele Filme wurden nicht sorgfältig archiviert und konserviert. Dadurch wurde viel Filmmaterial zerstört. Erst seit 1969 gibt es in Korea ein Gesetz, das die Filmproduktionen dazu verpflichtet, Kopien der Filme zu hinterlegen, um sie sorgfältig zu archivieren und aufzubewahren. 2010 erschien ebenfalls unter dem Titel The Housemaid ein koreanischer Erotik-Thriller, der als Remake des 1960 erschienenen Originals gilt. Trotz einiger Änderungen basiert der Film auf Ki-young Kims Drehbuch von 1960.

Hyeon, KOR 1960, 112 Min.
Regie & Drehbuch: Ki-young Kim
Darsteller*innen: Jin Kyu Kim, Jeung-nyeo Ju, Eun-shim Lee
Produktion: Hanguk Munye Yeonghwa, Kim Ki-Young Production

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