Ein filmischer Briefwechsel

Filmfestival Krakau
Correspondance: Jonas Mekas – J.L. Guerin / Regie: Jonas Mekas, José Luis Guerín / Spanien/USA 2011 / 84′

Den Ausgangspunkt dieses außergewöhnlichen und gleichzeitig sehr persönlichen Filmprojektes bildet eine bestimmte Aussage des Filmemachers Jonas Mekas (89), die den jüngeren spanischen Filmemacher José Luis Guerín (51) inspirierte: Film als Reaktion auf das Leben. Vor diesem Hintergrund beginnt der Austausch, der filmische Briefwechsel zwischen den beiden Künstlern, wobei die eigenen Tendenzen und Ansichten nach und nach klarer werden. In Correspondance: Jonas Mekas – J.L. Guerín werden die Möglichkeiten von Text und Bild, von Sprache und Film vermischt und zu gleichen Teilen ausgenutzt. So beginnen die einzelnen Sequenzen immer auf die gleiche Weise, mit einer Anrede wie bei Briefen (z.B. “Dear Jonas”) und sie enden mit einem abschließenden Grußwort des “Verfassers”. Die Video-Briefe, die sich Mekas und Guerín abwechselnd zusenden sind also aufgebaut bzw. umrahmt wie geschriebene Briefe, das Dazwischen allerdings zeigt erst die wirklich interessanten Aspekte dieses Projekts: den eigenen Stil, die Gemeinsamkeiten, aber auch und vor allem die unterschiedlichen Herangehensweisen der beiden Künstler.

Die einzelnen “Briefe” sind Beschreibungen von Erlebtem, von Städten, von Projekten, von Begegnungen – im Grunde erzählen sich die beiden von ihrem Leben. Oft wird auch das Filmemachen und die spezielle eigene Arbeitsweise thematisiert. Guerín macht den Anfang und es scheint so, als sei Jonas Mekas eine Art Inspiration für sein eigenes Filmschaffen oder zumindest eine für ihn wichtige Person, deren Ansichten er selbst schätzt. Zitiert wird zum Beispiel, dass Mekas einmal sagte, seine Filme seien eine “reaction to life”. Diese Aussage war prägend für Guerín und seine eigene Arbeitsweise. Dennoch macht es nie den Anschein, als würde der Jüngere dem Älteren nacheifern oder seinen Stil kopieren. Im Gegenteil – die ganz eigene visuelle Sprache beider Künstler wird deutlich und somit lassen sich auch ganz bestimmte Unterschiede in der Herangehensweise ausmachen. José Luis Guerín filmt beispielsweise ausschließlich in schwarz-weiß. Das hat den Effekt einer starken Ästhetisierung der Bilder, teilweise wirkt das Gezeigte dadurch auch ein Stück weit inszeniert bzw. konstruiert. Der Briefcharakter kommt bei Guerín stärker zum Ausdruck, da es tatsächlich so wirkt, als würde er etwas vorher Geschriebenes vorlesen. Das Gezeigte wird also eigentlich immer aus dem Off kommentiert.
Jonas Mekas hingegen kommentiert mal mehr, mal weniger. Bei ihm wirken die Sequenzen zufälliger, freier und dadurch weniger konstruiert. Das liegt auch an seiner ganz eigenen Natur. Er wirkt eher wie jemand, der in gewissen Momenten eben filmt, weil er filmen möchte, ohne speziellen Grund und ohne ein bestimmtes Bild erzeugen zu wollen. Ob das wirklich so ist, spielt gar keine Rolle, es geht nur um den Eindruck, den seine Aufnahmen beim Zuschauer hinterlassen. Passender wäre es daher vielleicht von “capture of life” anstatt von “reaction to life” zu sprechen.

Manche Episoden oder “Briefe” stechen stärker heraus und bleiben länger in Erinnerung als andere. Bei Guerín denke ich als Erstes an den Teil, in der er von Nika Bohinc erzählt, einer Filmkritikerin aus Slovenien, die ihn vor einiger Zeit interviewte. Aber statt der Szenen dieses Interviews zeigt er Ausschnitte, in denen er selbst Fragen stellte, zum Filmgeschehen in ihrem Heimatland zum Beispiel. Erinnerungswürdig wird das Ganze zum einen durch die Aura, die Guerín von dieser jungen, hübschen Frau mit dem eindringlichen Blick einfängt, zum anderen durch die Tragik ihrer Geschichte. Nika lebt nicht mehr, sie und ihr Partner wurden einige Zeit nachdem die gezeigten Aufnahmen entstanden, ermordet. Das weiß man schon zu Beginn der Episode, aber je länger man sie ansieht, desto bewegender empfindet man ihr persönliches Schicksal. Dieser Teil ist zentral, weil man ihn nicht vergisst und weil er eine bemerkenswert leise Form einer Hommage darstellt.
Unter den Aufnahmen von Jonas Mekas gibt es wenige, die so besonders herausstechen, vielmehr drängt sich bei ihm eine spezielle Art des Filmens in den Vordergrund. Nicht selten fühlt man sich an seinen letzten Film Sleepless Nights Stories erinnert, der (wie der Titel schon suggeriert) einen schlaflosen Mekas zeigt, der sich nachts spontan noch mit Freunden trifft und diese Begegnungen und Ereignisse filmt. Auch bei Correspondance nimmt er hauptsächlich Fragmente seines Lebens auf; Orte, die er besucht, Menschen, mit denen er die Zeit verbringt usw. Er spricht außerdem von einem Drang, gewisse Dinge zu “tapen”, ganz ohne eine bestimmte Motivation festmachen zu können. Genauso wirken die meisten seiner Sequenzen auch und gerade das macht den Reiz daran aus: es entsteht der Eindruck des Unmittelbaren, die Illusion des nicht-darüber-Nachdenkens. Mit der Kamera fängt er gewisse Momente und Fragmente ein, während das Leben einfach weitergeht. Seine Episoden bekommen dadurch immer einen authentischen Charakter, auch wenn es nicht das Ziel ist, einen ganzen Tag festzuhalten oder generell eine umfassende Dokumentation bestimmter Situationen zu liefern. Für ihn selbst sei es nach wie vor ein Mysterium, warum er manche Dinge aufnimmt und andere eben nicht.
Guerín dagegen distanziert sich von dem Begriff des “Tapens”, das etwas Zufälliges, Ungerichtetes suggeriert, und spricht vom Filmen, also von einer durchaus gezielten Art der Aufnahme. So entsteht ein stetiger Dialog zwischen beiden, sie beziehen sich aufeinander wie bei einem “normalen” Briefwechsel und greifen die Ideen und Ansätze des anderen immer wieder auf. Dabei bringen sie sich gegenseitig – und somit auch dem Zuschauer – ihre Ansichten und ihre individuelle Arbeitsweise näher.

Was am Ende bleibt, ist der Eindruck, zwei ganz unterschiedliche und individuelle, aber doch miteinander verbundene Filmemacher zumindest ein kleines bisschen näher kennengelernt zu haben. Kunstvoll wird Intimität mit Alltäglichem verknüpft, der Zufall und das gezielte Einfangen bestimmter Momente halten sich letztendlich die Waage. Man darf einem Dialog beiwohnen, der manchmal lustig, manchmal traurig, manchmal merkwürdig und manchmal einfach nur schön ist. Und außerdem hört man nie auf, sich über Jonas Mekas zu wundern… dieser leicht kauzige, aber liebenswerte Mann, der auch mit 89 Jahren nachts noch um die Häuser zieht und scheinbar sowieso nie müde wird. Selbst wenn man seine Filme nicht als inspirierend empfindet, die Lebensweise ist es in jedem Fall.

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