Eastern Boys

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Vorsicht Spoiler!

In den ersten Minuten geht es Eastern-Boys-Regisseur Robin Campillo primär ums Beobachten. Wem er da folgt, ist einer Gruppe junger osteuropäischer Männer, die durch den Gare du Nord in Paris schlendern. Fast gehen sie unter in dieser Hochfrequenz, die da herrscht. Ihre ostentative Geschlossenheit jedoch lässt sie trotz vieler Supertotalen jede Einstellung dominieren, denn sie folgen nur einer Bewegung: Einer gemeinsamen. Und wenn sich die Kamera von ihrer hohen Position löst und einzelne Person einfängt, man fast unverständlichen Gesprächen lauscht, in denen verschiedene Sprachen ineinander fließen, dann wird ein Eindruck von Zusammengehörigkeit trotz kultureller Unterschiede geschaffen.

eastern-boys-2-EasteDiese Demonstration einer stark ausgeprägten Gruppendynamik ist relevant für den restlichen Verlauf des Films, der sich in seiner Art des Erzählens im Übrigen nicht treu bleibt. Denn glaubt man in den ersten Minuten noch daran ein quasi-dokumentarisches Portrait über verlorene Einwanderer in Paris zu sehen, inszenatorisch ausgerichtet auf die Einsamkeit in der Weite des Bildes, stößt ein weiterer Kamera-Fang den Film in eine andere Richtung: Daniel, ein schwuler Mann mittleren Alters, findet gefallen an einem der Jungs, worauf er die Gruppe verfolgt und mit ihm – Marek gibt er als seinen Namen an – in Kontakt tritt. Sie verabreden sich in Daniels Wohnung zum Sex. An besagtem Abend taucht jedoch die ganze Truppe auf, zu der nun auch eine Frau gestoßen ist, und plötzlich steckt man mitten in einem sanften Home-Invasion-Thriller, der so lange gut ist, bis der Film einen dichten Knäuel an Begehrens- und Machtstrukturen zu lösen versucht und durch einen banalen Schlussakt enttäuscht.

Als formell beachtlich gestaltet erweist sich Easter Boys jedoch allemal. So ist Campillos reges Interesse an Fassaden stets offensichtlich, vor allem an solchen, in denen sich jemand oder etwas spiegelt. Ihm geht es um Opazität und Reflexion, nicht selten wird man nach außen gesetzt, vor die Fenster, mit Blick nach Innen. Oder es geschieht genau das Gegenteil, wenn die Außenwelt hinter der Glasfassade im Fokus steht. Wie man es dreht: Campillo konzentriert sich auf das, was dazwischen ist. Die Scheibe als etwas, das eben dort sitzt, beeinträchtigt eine klare und eindeutige Sicht, denn durchlässig ist nicht gleich unsichtbar.

eastern-boys-3-EasteAuch eine Scheu vor der Auseinandersetzung mit übergreifenden sozialen Problemen kann man den Regisseur nicht vorwerfen. Gerade im Umgang mit den beiden „Anführen der Bewegung“ behandelt er die aufkeimenden Probleme in interessanter Art und Weise. So kommt es, dass Marek und Daniel nach anfänglichem Sex gegen Geld eine Beziehung im Geheimen führen, da der Anführer der Truppe, den alle schlicht Boss nennen, nichts davon erfahren darf. Besonders Marek ist zwischen zwei Bewegungsströmen hin- und hergerissen und weiß nicht so recht, wo er hingehört. Das verleiht dem Film spannende Momente, besonders dann, wenn man näheres darüber erfährt, wo und wie der Rest der Truppe residiert. Erfreulicher Höhepunkt des Streifens ist aber zweifelsohne ein kontemplativ arrangierter Tanzakt in Daniels Wohnung, der in einer Art Reigen der Demontage ausufert, zumindest der materiellen Art.

In Ansehung dieser Sequenz ist es nur noch enttäuschender, dass der Film seine anfänglichen Stärken zum Ende hin verspielt. Nicht nur sorgt eine großrahmige polizeiliche Räumungsaktion für eine unangenehme Hektik in der sonst so ruhigen Erzählweise, auch mag sie nicht so recht ins Konzept passen. Plötzlich scheint es Campillo um Ordnung zu gehen, die am Schluss seiner Erzählung unbedingt hergestellt werden muss. Und wenn die beiden verboten Liebenden obendrein auch noch heiraten, dann hat das was von einer erzwungenen Versöhnlichkeit die einen wohl vergessen lassen soll, dass die anfangs groß angestoßenen Themen einmal Prostitution und Machtmissbrauch waren.

Filmfestspiele Venedig (Sektion: Orizzonti)
Eastern Boys, Frankreich 2013, 128′
Regie & Drehbuch: Robin Campillo
Kamera: Jeanne Lapoirie
Darsteller: Olivier Rabourdin, Kirill Emelyanov, Daniil Vorobyov

2 Responses to “Eastern Boys”

  1. Holger Grahmann

    Ich finde das Ende keinesfalls versöhnlich – ganz im Gegenteil! Marek ist am Schluß wieder genauso unfrei und abhängig, wie er es zu Beginn in der Gang war – nur diesmal mit Daniel, der ihn – trotz aller materiellen und finanziellen Versuche, ihn zu halten- genauso “besitzen” und sexuell ausbeuten möchte!

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  2. Ulrike Schnabel

    Es wird nicht geheiratet. Daniel will den Jungen adoptieren. Durch diesen Akt schließt sich eine weitere sexuelle Beziehung aus.

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