Divine Love (Divino Amor): Utopie oder Dystopie?

Diese Frage stellt sich im Film Divine Love von dem brasilianischen Regisseur Gabriel Mascaro. Das Sci-Fi-Drama spielt in Brasilien nur 8 Jahre von heute und zeigt doch ein drastisch verändertes Land. Neue Technologien auf einem Black Mirror Level prägen den Alltag der Menschen sowie fundamentalistisch christliche Werte – denn von einer Säkularisierung kann nicht mehr die Rede sein. Durch dieses neue Brasilien führt uns Joana, eine streng-gläubige Notarin, die sich zum Ziel gesetzt hat, Paare wieder zueinander zu bringen, die sich scheiden lassen wollen. Diese Aufgabe ist ihr so wichtig, da sie selbst und ihr Mann Danilo auch an diesem Punkt waren. Ihre Beziehung konnten sie mit Hilfe der religiösen Selbsthilfegruppe/Kirche „Divine Love“ retten, in der sie mit anderen Paaren beten und Gruppensex haben. Doch noch immer krankt die Ehe an der Kinderlosigkeit. Auch Joanas Glauben ist dadurch erschüttert. Immer wieder fährt sie in den Kirchen-Drive-In, um mit dem Pastor dafür zu beten, dass Gott ihr endlich ein Kind schenkt. Eines Tages geht Joana durch einen Körperscanner, wie er in dieser Zukunft an allen Eingängen installiert ist, und stellt fest, dass sie schwanger ist. Ein Vaterschaftstest zeigt jedoch, dass weder ihr Mann noch einer der anderen Männer aus Divine Love der Vater sein kann. Für Joana steht fest, dass es sich um eine unbefleckte Empfängnis handeln muss, doch niemand glaubt ihr.

Es ist wohl schwerlich ein Zufall, dass die christlichen Werte des futuristischen Brasiliens die Wahlkampagne des aktuellen Präsidenten Jair Bolsonaro widerspiegeln. Der rechtskonservative und neoliberale Politiker ist insbesondere bekannt für frauen- und schwulenfeindliche Aussagen und konnte 2018 trotzdem mehr als die Hälfte der Stimmen in der Präsidentschaftswahl für sich gewinnen. Darüber hinaus ist er Befürworter der Todesstrafe und der Militärregierung. „Divine love“ kann als Kritik an dieser Politik gelesen werden – die dargestellte Zukunft Brasiliens als die Konsequenz von Bolsonaros Politik. Der technische Fortschritt macht die Bürger*innen gläsern, jede*r wird überwacht. Nicht jedes Paar ist glücklich, über die Bemühungen Joanas, sie zusammen zu halten und ein paar gerettet Paare trennen sich später dennoch. Für die einen geht die „divine love“ zu weit, bei anderen reicht sie einfach nicht aus. Anders jedoch als bei Black Mirror oder anderen Serien/Filmen, welche die Konsequenzen solcher Techniken ausloten, bleibt in Divine Love das meiste unkommentiert. Mascaro erhebt nicht den Zeigefinger, jede*r Zuschauer*in muss selbst entscheiden, wie ihm*ihr seine Zukunftsvision gefällt.

Der Kinderwunsch von Joana ist das leitende Motiv des Films. Die Neonlichter und Farben des Films sind überwiegend blau und rosa und eines Morgens stehen die Welpen von Joanas Hund vor der Haustür. Ihr komplettes Umfeld spiegelt Joanas Inneres wieder. Alles, was nicht zuvor schon von der Erzählstimme beleuchtet wurde, kann an Musik, Farbe und Bildsprache abgelesen werden. Der Film beginnt und endet mit Joana inmitten des christlichen Festivals umgeben von Menschenmassen, die ihren Glauben feiern. Durch die starke Fokussierung auf seine Hauptfigur, bleiben jedoch manche gesamtgesellschaftlichen Aspekte verborgen. Wie die Gesellschaft dieses zukünftigen Brasiliens mit Andersdenkenden und Andersliebenden umgeht, wird allerhöchstens in einem Nebensatz erwähnt. Gerade im Bezug auf die aktuelle politische Situation in Brasilien wird hier Potenzial verschenkt.

Doch auch dieses vermeintlich unvollständige Bild einer Zukunft bietet genügend Stoff zum Nachdenken und selbst die Zuschauer*innen, die in der Vermischung von Glauben und politischer Macht ihre größten Befürchtungen bewahrheitet sehen, dürften ihre Freude an dem Farbspektakel des Films finden. Kraftvolle Bilder wie das der blauen Rose, die für eine reine, spirituelle Liebe steht, bleiben noch lange in Erinnerung. Ob nun Dys- oder Utopie – der Zukunftsentwurf von Mascaro ist absolut relevant und sehenswert.

Regie: Gabriel Mascaro

Brasilien, 2019

101 min

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