“Die Vorstellungkraft setzt da an, wo die Wissenschaft endet.” Oder: The Young and Prodigious T.S. Spivet

The-Young-and-Prodigious-Spivet-Image-02

Von Aline Köhler

Wer sich schon immer gefragt hat, was an japanischen Rüsselkäfern so besonders ist, oder schon immer einmal wissen wollte, wie man bloß mit Hilfe eines Eddings einen Güterzug aus voller Fahrt anhält, der sollte sich den neuen Film von Regisseur Jean-Pierre Jeunet (Le fabuleux destin d’Amélie Poulain) zu Gemüte führen.

Dieser dreht sich um den 10-jährigen Tecumseh Sparrow Spivet (Kyle Catlett), welcher zusammen mit seiner verrückten Familie auf einer ziemlich gewöhnlichen Farm irgendwo im Nirgendwo in Montana lebt und dort ziemlich ungewöhnliche Dinge macht – zwischen wissenschaftlichen Experimenten, akribischer Kartografie und komplexen Modellskizzen gelingt es ihm, ein (fast) funktionierendes Perpetuum mobile zu erfinden. Was kluge Kinder halt so in ihrer Freizeit machen. So kommt es, dass ein ungewöhnlicher Anruf T.S.’ Welt auf den Kopf stellt: Er wurde als Gewinner eines renommierten Wissenschaftspreises auserwählt. Der vermeintlich für einen Erwachsenen gehaltene T.S. überwindet sich nach reiflichem Überlegen (“Ich kann den Preis nicht in Washington entgegennehmen. Am Montag geht die Schule wieder los!”), heimlich von Zuhause fortzuschleichen und auf eine Reise quer durch die USA zu begeben, um diesen Preis entgegenzunehmen.

Es bedarf keiner Anlaufzeit, um mit diesem Film warm zu werden. Die farbenfrohen Bilder, die charmante Erzählweise und die außergewöhnlichen Charaktere tragen dazu bei, dass man von Anfang an in den Film gesogen wird – und dabei ziemlich viel Spaß hat. Bevor T.S. überhaupt an das Packen seines Koffers denkt, habe ich meinen in Gedanken schon längst startklar um auf diesem reizenden Stück Erde einzuziehen. Beim Anblick der idyllischen Farm in der Sommersonne, der satten Farben und des mit allerlei fantastischem Kleinkram vollgestopften Hauses will ich sofort selbst dort auf der Veranda sitzen, dem Rascheln der Gräser lauschen, Mais putzen und nie wieder damit aufhören. Außer natürlich wenn mir Helena Bonham Carter, die T.S.’ Mutter – eine zerstreute Insektenforscherin – spielt, meinen Toast serviert. Die Figuren haben wirklich Charakter und gehen absolut glaubwürdig in ihren Rollen auf – ob raubeiniger Cowboy-Vater (Callum Keith Rennie), genervte Teenie-Schwester oder der hochbegabte T.S. selbst. Während man ihn auf seiner Reise begleitet, lernt man T.S.’ Perspektive des Erlebten und seinen (manchmal gar nicht so) kindlichen Blick auf die Welt kennen. Dabei kann man einfach nicht anders, als den kleinen Kerl ins Herz zu schließen. Diverse frontale Close-Ups, welche den Blick und die Emotionen des Protagonisten einfangen, tragen hierzu ihren Teil bei.

Jeunets visuelle Inszenierung der Geschichte ist beeindruckend, was vor allem ihrer Detailverliebtheit zu verdanken ist – diese zeigt sich beispielsweise auch bei der Ausschmückung der Handlungsschauplätze. Dabei wird kreativ mit den Mitteln des 3D-Kinos gearbeitet, etwa wenn T.S.’ Skizzen und Diagramme ein Eigenleben entwickeln und sich auf den Zuschauer zubewegen, während das clevere Bürschchen seine Überlegungen schildert. Einen Gegenpol zu all den Details schaffen wirklich schöne Panoramaaufnahmen von Natur und Szenerie.

Aber was hat es nun mit dem Namen des Films auf sich? Wäre der grausige deutsche Titel Die Karte meiner Träume nicht auf die Buchvorlage zurückzuführen, könnte man vermuten, ein unterbezahlter Praktikant mit mittelmäßigem Übersetzungstalent hätte selbigen zu verantworten. Denn er ist kitschig. Und weckt falsche Erwartungen. Der Film ist hochgradig fantasievoll und liebevoll inszeniert – aber nicht kitschig. Mit dem Beginn von T.S.’ Reise nimmt der Film überraschenderweise sogar eine eher melancholische Richtung. Die flauschige 08/15 kleiner-superschlauer-Junge-bricht-Heldenreise-an-und-wird-plötzlich- berühmt-und-sowieso-klatschen-am-Ende-alle-Beifall-Geschichte, die man erwartet, bekommt man nur bedingt. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Film noch viel mehr – auch wenn, zugegebenermaßen, tatsächlich mal alle Beifall klatschen. T.S.’ Reise ist eigentlich nur eine von mehreren Ebenen des Films – ein Anlass, der einen Rahmen für andere Themen schafft: Es geht auch um die Beziehungen zwischen Familienmitgliedern, um Oberflächlichkeit, Schuld, um Verlust und darum, wie unterschiedliche Charaktere damit umgehen. Dies wird spätestens während T.S.’ Dankesrede deutlich, in der er plötzlich erstmalig über das tragische Ereignis spricht, das seine Familie – und insbesondere ihn selbst – belastet.

Bei all dem Pendeln zwischen märchenhaftem Abenteuer und traurigem Schicksal gelingt es dem Film irgendwie, eine Balance zu halten zwischen heiteren und witzigen Momenten, sarkastischen Spitzen und Bedrücktheit. Mit Die Karte meiner Träume gibt es daher statt Kitsch ein melancholisch-schönes, verspieltes Stück mit ungezwungen komischen Momenten und einer gesunden Portion Ironie – selbst wenn der Film zum Ende hin schon etwas an Kraft verliert und ein, zwei narrative Schwachstellen hat. Aber vielleicht darf er die auch haben, schließlich ist und bleibt der Film ja irgendwo auch ein Märchen.

Die Karte meiner Träume, Frankreich/Kanada 2014, 105′
Regie: Jean-Pierre Jeunet
Drehbuch: Jean-Pierre Jeunet, Guillaume Laurant
Kamera: Thomas Hardmeier
Darsteller: Kyle Catlett, Helena Bonham Carter, Robert Maillet, Judy Davis
Verleih: DCM Filmdistribution

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>