Die Vermessung des Natürlichen

Kritik von Julie Lüpkes zu den Filmen Average Happiness (CH, 2019) und Sicherheit123 (A, I, 2019)

Wer sich schon einmal – freiwillig oder unfreiwillig – in die Welt der Statistiken verirrte, kennt bestimmt diese Alpträume, in denen sich Tabellen und Diagramme bedrohlich vor dem inneren Auge aufbauen. Hab ich richtig skaliert? Was, wenn meine Daten gar nicht valide sind? Wie war das nochmal mit der Korrelation?

In einem Sozial- oder kulturwissenschaftlichen Studium muss man schnell feststellen, dass die meisten Statistiken dann doch nur einen sinnlosen Versuch wagen, menschliche und natürliche Prozesse abzubilden. Der animierte Kurzfilm Average Happiness von Maja Gehrig spielt mit eben dieser Absurdität, indem eine vermeintlich trockene Statistik-Vorlesung erst recht sachlich mit einem Scatterplot-Diagramm zur „durchschnittlichen Zufriedenheit“ bebildert wird. Doch nach wenigen Momenten brechen die Punkte und Linien aus ihrer Sachlichkeit aus, indem sie sich „verselbstständigen“, ihre Farben ändern, wirr umherreisen und sich mit anderen Diagrammen überlagern, die ebenfalls versuchen, menschgemachte Umstände und menschliche Verhaltensweisen abzubilden. In einem Spiel aus Farben, Bewegungen und begleitet von elektronischer Musik und dem Kommentar des Statistik-Dozenten formen sie sich zu bunt überlagerten dynamischen Landschaftsbildern.

Eine visuell überfordernde Reise in das Land der Statistiken. Musste man sich schon einmal etwas zu lange mit Zahlen und Diagrammen beschäftigen, lässt sie einen die wildesten SPSS-Alpträume nochmal durchleben. Wer sich aber erfolgreich durch den Datendschungel schlug, wird es genießen.

Das Motiv der Vermessung des Natürlichen zieht sich auch im folgenden Hauptfilm des Screening-Blocks, der inzwischen preisgekrönte Dokumentarfilm Sicherheit123 von Julia Gutweniger und Florian Kofler. Sie dokumentieren eindrucksvoll, wie Menschen versuchen durch Messungen, Befestigungsanlagen, Rettungsübungen und andere verzweifelte Sicherheitsvorkehrungen der gewaltigen Natur der Alpen Herr zu werden und der Gefahr von Geröll- und Schneelawinen zu entkommen. Begleitet von einer omnipräsenten und bedrückenden Tonkulisse aus an Alarme und Messinstrumente erinnernde Signale, zeigt der Film opulente Landschaftsaufnahmen in geduldigen Einstellungen, aufwendige Mess- und Sicherungstechniken und wenig menschliche Interaktion, die jedoch immer wieder das Motiv der menschlichen  Machtlosigkeit gegenüber der Naturgewalt bergen.

Auf erklärende Kommentare wird vollständig verzichtet, wodurch sich das Gefühl dieser Überforderung auch auf das Publikum überträgt. Es wird mit bildgewaltigen Eindrücken  quasi „allein gelassen“: sei es der einsame Sonnenstuhl im Auffangbecken, die herabrollende Schneelawine oder das Wohnhaus am Berghang, das sich mit haushohen Schutzmauern umgibt. Wer sich also nicht unwohl fühlen möchte im Angesicht der Naturgewalten oder gerade ein neues Luxuschalet in den Schweizer Bergen gekauft hat, sollte auf „Sicherheit123“ verzichten.

Das DOK Leipzig verstand es, seine beiden Genres des Dokumentar- und Animationsfilms in thematischen Symbiosen in einem Zeitslot zu verknüpfen. Bei den beiden oben genannten Filmen handelt es sich meiner Meinung nach um ein besonders gelungenes Beispiel, da hier verschiedene Aspekte desselben Themas völlig unterschiedlich bearbeitet wurden. Der knallbunte Animationsfilm und der beobachtende Dokumentarfilm vermögen beide gleichermaßen, die Ohnmacht des Menschen gegenüber der Vermessung des Natürlichen darzustellen, unkommentiert zu kommentieren und nachdenklich zu stimmen. Ich zumindest verließ den Kinosaal mit der bedrückenden, aber zufriedenen Erkenntnis, dass unsere Welt für immer unberechenbar bleiben wird.

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