Die Sanfte

Man möchte dem Titel von Sergei Loznitsas neuem Film Irreführung vorwerfen, denn das Sanfte ist an der titelgebenden und namenlosen Protagonistin nur schwer zu erkennen. Ihr Gesichtsausdruck ist hart und meist regungslos. Der Körper drahtig, beinahe ausgemergelt, ohne dabei jedoch zerbrechlich zu wirken. Sanft ist allenfalls, was sich hinter der Unbeirrbarkeit ihres Handelns befindet – eine stoische Loyalität zu ihrem Ehemann, den der Zuschauer nie zu Gesicht bekommt, und der so als Projektion immer im erzählerischen Off bleibt. Aber von Anfang:

Der Mann, soviel wird verraten, ist Häftling in einem russischen Gefängnis, verurteilt wegen Mordes, obwohl die Umstände der Tat und die Rechtmäßigkeit seiner Inhaftierung immer ein Stück weit im Dunkeln bleiben. Über regelmäßige Postsendungen wird er von zuhause mit Dingen versorgt, die den Knastalltag erträglicher machen sollen: Kleidung, Konserven mit Lebensmitteln, Kondensmilch. Irgendwann werden die Pakete ohne Angabe von Gründen nicht mehr angenommen und „die Sanfte“ begibt sich von der Provinz in die Stadt, die – so müsste man in einer Umkehrung sagen – um das Gefängnis herum zu existieren scheint.

Loznitsas Film liegt eine gleichnamige Nouvelle Dostojewskis zugrunde. Von der Handlung der Vorlage – einer unglücklichen und erzwungenen Ehe zwischen einem Pfandleiher und einer jungen Schuldnerin, die im Selbstmord der Frau gipfelt – bleibt allerdings nichts. Eher vermutet man eine Adaption von Kafkas Schloss. Ähnlich wie in der Geschichte des Landvermessers K., ist das Gefängnis mehr als Metapher eines undurchdringlichen Apparates zu lesen. Einsicht erlangt man höchstens in die Vorzimmer, wo die niederen Angestellten, durch hölzerne Sichtfenster abgeschottet und offensichtlich willkürlich, den Zugang von Menschen und Gütern regeln. Durch die kontinuierliche Inszenierung behördlicher Schikane wird schnell klar, dass die Macht, die von diesem Ort ausgeht, keinesfalls räumlich begrenzt ist. Sie deutet sich schon in der Poststelle an, setzt sich an einem polizeilichen Kontrollposten auf der Reise fort und wird, je näher man dem Gefängnis kommt, zunehmend zum Fluchtpunkt aller im Film auftauchender Figuren: Vom Taxifahrer über den Zuhälter zum Unterweltboss bis hin zur Mitarbeiterin einer NGO, die verzweifelt versucht gegen den gravierenden Machtmissbrauch der Behörden vorzugehen. Gemeinsam ist ihnen, dass ihre Position in der Gesellschaft sich nur in Ausrichtung an dieses ominöse Zentrum bestimmt. Der Staat – denn anders ist die Metapher nicht zu lesen – ist marode, korrupt, gewalttätig und hält seine Bürger – ob als Beteiligte, Nutznießer oder Gegner des Systems – in ständiger Abhängigkeit. Loznitsa führt seine Protagonistin bewusst nicht ins Zentrum, sondern lässt sie die verschiedenen Orte der Peripherie dieses Netzwerkes abwandern. Die Leute, denen sie im Laufe ihrer Reise begegnet, markieren distinkte Punkte in dieser Ordnung. Sie tun dies, indem sie reden und Loznitsa lässt die Sanfte – als Figur seltsam unbestimmt – schweigen, und macht sie so zum roten Faden seiner allegorischen Erzählung. 

Erst zum Ende des Films meint man einen Einblick in die Psyche der Protagonistin zu bekommen. Eine Traumsequenz (eine sehr lange dazu), weichgezeichnet, eine Kutschenfahrt im Schnee und die Aussicht auf ein – wenn auch imaginäres – Wiedersehen mit dem Mann. Es kommt anders. Auch im Traum nur Allegorie und Gewalt. Das Sanfte; in Sergei Loznitsas Russland muss es erst noch gefunden werden.

 

Die Sanfte (orig. Krotkaya), Frankreich/Deutschland/Russland/Litauen/Niederlande/Ukraine 2017, 143′
Regie: Sergei Loznitsa
Buch: Sergei Loznitsa
Verleih: Grandfilm

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