Die Netflixklage

Die Filmförderungsanstalt veröffentlicht jedes Jahr eine Statistik über die Umsätze auf dem deutschen Videomarkt. Es lohnt sich gerade jetzt, wo die Pluralität möglicher Angebotsformen stetig zuzunehmen scheint, einen genaueren Blick darauf zu werfen. So kann man erkennen, dass die gesamten Filmausgaben der Deutschen, also das Geld, das für Kinobesuche, Leih- und Kaufvideos ausgegeben wird, seit dem Jahr 2000 angestiegen sind: 2000 wurden noch 1,7 Milliarden Euro ausgegeben, im letzten Jahr war es eine Milliarde mehr. Für den Diskurs ist dieser kontinuierliche Anstieg eine wichtige Information, denn er zeigt rückblickend, dass die Bedrohung durch Piraterie, die der Branche zufolge immens große Verluste verursacht, in der Realität wohl kaum einen Einfluss auf das Kaufverhalten hat, was die These stärkt, dass vor allem diejenigen illegal Filme schauen, die auch sonst kein Geld dafür ausgeben würden oder keines dafür haben. Zwar gab es 2004 einen Rückgang der Ausgaben, aber 2009 war man bereits wieder auf demselben Niveau wie fünf Jahre zuvor, weshalb die große Abmahnwelle von 2010 rückblickend um so mehr als äußerst problematisch bezeichnet werden muss.
Die FFA-Statistik verzeichnet darüber hinaus eine Zunahme der Kinoausgaben von 200 Millionen innerhalb der letzten 16 Jahre, womit der Kinobereich nach den Kaufvideos der am stärksten gewachsene Markt in dem Bereich ist. Das bei Kinobetreibern, Verleihern und Produzenten gerne anders skizzierte Bild ist dennoch nicht gänzlich falsch, weil der Zunahme der Kinoausgaben nicht unbedingt auch eine Vergrößerung des Publikums gegenüber steht, sondern sie teilweise allein durch die deutlich gestiegenen Ticketpreise erreicht werden konnte (die FFA-Statistiken dazu können hier abgerufen werden.)
Seit dem Jahr 2015 taucht ein neues Feld in der Videostatisitk auf: die FFA erfasst nun auch die Ausgaben, die für Streamingdienste aufgewendet werden. Schaut man sich die Videoausgaben, also den Bereich ohne das Kino, genauer an, stellt man fest, dass die Ausgaben für Streamingdienste ziemlich genau den Teil Kompensieren, um den die Ausgaben für physische Trägermaterialen zurückgegangen sind. Es findet somit kein Rückgang der Einnahmen statt, sehr wohl aber eine Umverteilung, wobei der Rückgang nicht allein auf die Verfügbarkeit von Onlineangeboten zurückgeführt werden kann: Der Verkauf von DVDs hat sich seit 2004 halbiert, und der Verlust konnte nur zum Teil durch die Einführung der BluRay aufgefangen werden.
Insgesamt zeigt die Statistik, dass die Ausgaben nur moderat sinken, da sie durch Onlineangebote (Kauf und Verleih) aufgefangen werden können. Einen konkreten Verlierer gibt es trotzdem und das sind die Videotheken, was bei einem Rückgang der physischen Trägermedien logisch erscheint. Vorgänge und Ausgaben haben sich in diesem Sektor in den letzten vier Jahren nahezu halbiert, und es ist eindeutig, dass es die Onlineangebote sind, die diesem Bereich eher kurz- als langfristig den Todesstoß versetzen werden.
Dass die FFA nun die Streamingdienste mit in ihre Statistik aufnimmt, scheint aufgrund dieser Umwälzungen nur konsequent, es hat aber noch einen weiteren Hintergrund. Seit diesem Jahr sollen die Streaminganbieter ebenfalls für die Filmabgaben herangezogen werden. Diese Filmabgaben müssen Unternehmen entrichten, die Filme verwerten, also Kinobetreiber und Fernsehsender, und aus ihnen finanziert die FFA ihre Filmförderung. Das wirklich Neue an dieser Forderung ist weniger die Tatsache, dass Betreiber eines neues Distributionsformates zur Kasse gebeten werden, sondern dass man Anbieter mit Sitz im Ausland zur Abgabe auffordert. Genau pünktlich zum Beginn der Berlinale hat Netflix deswegen Klage dagegen beim Europäischen Gerichtshof eingereicht – der Ausgang des Verfahrens bleibt abzuwarten, die Europäische Kommission hatte das Vorgehen der FFA im Herbst letzten Jahres noch genehmigt.
Dieser Vorgang wird aber nicht der einzige Streitpunkt zwischen Europa und den Streamingdiensten bleiben. So plant die EU eine Quote für europäische Filme, die die VoD-Anbieter erfüllen müssten, wogegen diese sich sicherlich ebenfalls wehren werden – selbst wenn sie diese bereits erreichen. (Der Vorschlag vom Mai 2016 sieht eine Quote von 20% vor, Netflix und iTunes bieten in ihrem Katalog aber bereits 21% an, siehe dazu hier).

Die Entwicklung bleibt auch vor dem Hintergrund der Filmförderung interessant. Momentan ist es für Netflix-Produktionen schwierig, Geld von der FFA zu bekommen, da die Förderung an eine Auswertung der Filme im Kino gebunden ist. Das Wirtschaftsministerium hat darauf reagiert, indem Sigmar Gabriel den German-Motion-Picture-Fond ins Leben gerufen hat, mit dem das problemloser möglich ist. Eines der ersten Projekte, die damit gefördert wurden, ist die amazon-Serie You are wanted von und mit Matthias Schweighöfer, das vom GMPF dafür 1,5 Millionen Euro in Form eines nicht rückzahlbaren Zuschusses erhalten hat – scheinbar zu wenig, um die Studios damit für Quote und Abgabe begeistern zu können.

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