Dialektik der Lust

Höhepunkt gefilmter Sexszenen ist das Zusammenbringen von Gesicht und Geschlecht innerhalb einer Einstellung. Damit ist nicht bloß oraler Sex gemeint, der ja durchaus auch außerhalb der Screens gängige Praxis ist, sondern filmischere Formen, die sich speziell auf die Zeugenschaft der Kamera beziehen wie bspw. der Facial, bei dem es darum geht, sowohl den Orgasmus als auch die Herrschaft über die/den andere(n) zu beweisen. Eine andere Form der Zusammenführung ist die des Reißschwenks oder des Schärfeziehens, und die kommt bei Nympomaniac häufiger vor. Auch wenn im Abspann steht, dass die Schauspieler alle keinen Sex für den Dreh hatten und Bodydouble Schwanz und Möse in die Kamera hielten, möchte die Kamera doch ständig das Gegenteil beweisen, indem sie von Geschlecht zu Gesicht schwenkt oder scharf stellt.

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Foto by Christian Geisnaes (copyright aller Fotos by Zentropa)

Weit interessanter ist jedoch die Verbindung von Kopf und Sex, die der auslösende Moment der Erzählung ist. Nachdem Seligman (Stellan Skarsgård) die verletzte Joe (Charlotte Gainsbourg) zu sich nachhause gebracht hat, erzählt sie ihm in acht Kapiteln (fünf davon im ersten Teil) aus ihrem Leben als Nymphomanin. Und auch, wenn diese Episoden für den Film und seine Zuschauer bebildert werden, so wird sind sie doch nicht Quelle von Imagination und Lust des ungleichen Erzählerpaars. Wo es Joe in ihrer ausführlichen und sachlichen Schilderung darum geht, ihren Gegenüber vom Fluch der Nymphomanie zu überzeugen, versucht Seligman, sie immer wieder zu unterbrechen und ihre Schilderungen auf alltäglichere Vergleiche zu reduzieren, das Fliegenfischen bspw. oder Bach’sche Polyphonie.

Diese Ausgangssituation ist eine Metapher für die vorliegende Anordnung: da ist zum einen der besessene von Trier, der keine Gelegenheit auslässt, um zu provozieren und (richtigen) Sex in seinen Filmen zu inszenieren. Auf der anderen Seite befindet sich das gut bürgerliche Publikum, das hinter jeder Erzählung etwas anderes sehen muss als die profane Abbildung der Fleischeslust, denn ohne diesen Mehrwert handelte es sich ja um Pornographie. Dass diese Konstellation aufgeht, liegt an der ruhigen und unaufgeregten Art, in der diese beiden (zumindest im ersten Teil) den Stellvertreterkrieg austragen. Und trotzdem ist sie nicht unproblematisch: die Frau, die von ihrem Sexleben erzählt, wird als eine verletzte eingeführt, die ihr Leben nun vor dem guten Onkel ausbreitet. Zur Liebe unfähig und süchtig nach Sex, sind die Episoden fast so etwas wie ein antifeministisches Statement, denn mit den einfachsten Tricks wird jeder Mann wie weiches Wachs in ihren Händen.

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Dass Nymphomaniac einer der am besten inszenierten und erzählten Filme von Triers ist, dass er immer wieder vom eigentlichen Thema abkommt, mäandernd wird allerhand anderes vor uns ausgebreitet, Sex ist fast nur eine Randerzählung. Nymphomaniac ist der Greenaway’schste Film von Triers, der über große Strecken einfach nur Lust an der Erzählung und Konstruktion hat und zudem immer wieder Zahlen, Worte und Diagramme über die Bilder blendet. Gleichzeitig ist da aber auch dieser kindische und zwanghafte Hang zur Provokation, der es letztendlich verhindert, dass der Film ebenso (ausge)reif(t) ist wie sein Vorgänger Melancholia. Dass Seligman Jude ist, scheint einzig den Grund zu haben, um ihn unpassende Sätze über Antizionismus sagen zu lassen. Und den Film auch mit Rammstein wieder aufhören zu lassen, zudem die Höhepunkte des zweiten Teils im Abspann im Schnelldurchlauf aufblitzen zu lassen, ist doch so einfältig, dass man schon wieder gelangweilt abwinken möchte.

Die Berlinale, wo der Film vor über einer Woche seine deutsche Premiere feierte, scheint genau auf diese Art pubertären Humors zu stehen. Begierig leckt (das passt hier) sie die Krümel auf, die in Cannes vom Tisch fallen, nachdem von Trier dort nach der Uraufführung von Melancholia und einer nur schwer erträglichen Pressekonferenz Hausverbot erteilt bekommen hatte. Und die ganze Berlinale freut sich nun, wenn er mit einem T-Shirt zum Festival gefahren kommt, auf dem unter der goldenen Palme von Cannes „Persona non grata“ steht. (Eine komplexe Beziehung, denn wenn Berlin nimmt, was in Cannes nicht laufen darf, so funktioniert das auch andersherum, allerdings dann eher aus qualitativen Gründen.) Ganz zu schweigen davon, dass beide Teile des Films im europäischen Ausland auf Festivals und anderen Sonderaufführungen schon längst gezeigt wurden. Aber so ist es eben, beim Thema Sex wird es schnell kindisch.

Nymphomaniac 1, DK/D/F/B/S 2013, 120′
R+B: Lars von Trier
Kamera: Manuel Alberto Claro
Besetzung: Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård, Shia LaBeouf
Verleih: Concorde
Kinostart: 20.02.2014

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