Des nouvelles de la planète Mars

(Frankreich/Belgien 2016, Regie: Dominik Moll) (Wettbewerb, außer Konkurrenz)

von Sophie Blomen

Nach einer Woche Berlinale fange ich an, an meiner geistigen Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln. Ich sitze im Haus der Berliner Festspiele, ohne Kopfstütze und mit wenig Beinfreiheit, und es läuft die französische Komödie Des nouvelles de la planète Mars. Anderthalb Stunden Jokes auf Kosten von irgendwelchen, eventuell beliebigen Minderheiten, und ich find’s richtig witzig.

Philippe Mars – Vater, Bruder, Exmann, Kollege – möchte es allen Recht machen und alles geht schief. Sein ca. 14-jähriger Sohn wird über Nacht Hardcore-Vegetarier und Sex-Maniac, seine Tochter ist mit irgendeinem Schmock zusammen und mutiert zur Überstreberin. Seine Exfrau macht im Gegensatz zu ihm in Brüssel Karriere. Außerdem hat er diesen Psycho-Kollegen, der ungefragt bei ihm einzieht und regelmäßig seine Wohnung verwüstet.

Alles ist also nirgendwie daneben, und dazwischen gibt es seltsame Traumbilder von Philippe, wie er zum Mars fliegt oder mit den Geistern seiner verstorbenen Eltern spricht. Die verstehe ich nicht, oder sie sind mir egal. Ich sitze, ohne meinen Kopf anlehnen zu können, 100 Minuten einfach nur da und warte auf den nächsten Joke, lache, wenn Philippe den Chiwawa seiner Schwester in die Seine wirft, wenn er von seinem Chef beim scheinbaren Telefonsex erwischt wird und wenn der Psycho im Büro sich mit einer Axt unterhält. Ist mir egal, dass das platt ist, ist mir egal, dass es sich hier um Normalo-Themen im überspitzten Sinne handelt, I don’t care, please entertain me.

Ich habe auf der Berlinale Filme ohne Handlung, Filme über nichts als Stimmungen, mit verrauchten, verwackelten, asymmetrischen, bedeutungsschweren Bildern gesehen. Versteckte politische Statements, keine Sprache, Philosophie des Lebens, Intellektuellen-Bullshit, neue Erzählformen. Ich bin voll froh darüber, this is what I came for, aber gerade, um 12 Uhr mittags, nach diesem Filmmarathon der vergangenen Tage, bin ich glücklich, einen Film zu sehen, den ich mir abseits der Berlinale wahrscheinlich nie angeschaut hätte. Und zwar nicht, weil ich kein Kino gefunden hätte, das diesen Film zeigt, sondern weil er mir zu doof, zu Mainstream, zu family gewesen wäre.

Aber jetzt find ich es super nice, den Wert der Unterhaltung wiedergefunden zu haben. Hört sich vielleicht übertrieben an, auf der Berlinale 2016 werden auf keinen Fall nur Experimentalfilme gezeigt, aber vielleicht ist es mein Anspruch und mein Rezeptionsvermögen, das sich hier verändert hat. Weil ich so wenig schlafe, so viel sehe und so ungesund esse, weil ich entweder in Schlangen vor Kinos anstehe oder auf meinem Handy versuche herauszufinden, in welche U-Bahn ich steigen muss. Morgens wasche ich meine Haare nicht mehr, und abends trinke ich auch nur selten ein Absacker-Bier. Ich muss immer irgendwohin oder versuchen zu schlafen.

Deshalb danke ich dir, Dominik Moll, für deine durchschnittliche französische Komödie, ein Spaß für die ganze Familie und vor allem für mein übermüdetes Ich, Danke für keine verstecke Message, Danke für easygoing schwarzen Humor, Danke für Witze, die jeder vertragen kann. Ich vermute (Achtung, steile These), dass dieser Film untergehen und kaum Beachtung finden wird. Das ist auch in Ordnung. Aber für diesen einen Moment, in dem ich dachte, ich kann nicht mehr, war er genau das Richtige.

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