Der traumhafte Weg

Griechenland 1984. Theres aus Deutschland und Kenneth, Musiker aus England, geben sich einer intensiven Sommerliebe hin. Sie machen zusammen Straßenmusik, finanzieren sich so ihren Urlaub und träumen von einer gemeinsamen Zukunft. Er will Gesang studieren, sie will vielleicht Lehrerin werden. Doch dann hat Kenneth’ Mutter einen Unfall und er reist überstürzt nach Hause, um an ihrer Seite zu sein. Von der sonnigen Ferienumgebung wird der Schauplatz ins kühle Krankenhaus verlagert, wo Kenneth nun mit seinem Vater die Tage am Krankenbett der Mutter verbringt und die Beziehung zu Theres einfach in der Vergangenheit zurücklässt. Dabei gibt es keinen Abschluss, wir sehen weder den Moment, in dem die Beziehung zu Ende geht, noch eine Vorbereitung auf dieses Ende, genauso wenig wie dieser plötzliche Bruch für die Figuren innerhalb der Geschichte absehbar ist. Ohnehin scheint das Verfolgen einer linearen, selbsterklärenden Erzählstruktur bei Angela Schanelecs neuem Film vollkommen ausgehebelt. Stattdessen sind es die Auslassungen und Brüche, die immer wieder neue Möglichkeiten eröffnen und zwischen den einzelnen Szenen Raum für vielfältige Interpretationen lassen. Die Präsentation einer abgeschlossenen Erzählung ist genauso wenig von Interesse wie eine Vorbereitung auf das, was noch kommen wird. So erfolgt der Übergang zur zweiten Geschichte der Schauspielerin Ariane, die mit ihrer Tochter im gegenwärtigen Berlin lebt und sich von ihrem Mann trennt, auch ganz unvermittelt, ohne zeitliche Markierung oder deutlichen Einschnitt. Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich zu einer ganz eigenen Realität, in der sich die Wege der verschiedenen Figuren flüchtig kreuzen, ohne dass direkte Verknüpfungen entstehen.

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Die Kamera folgt diesen Wegen sehr fragmentarisch, fängt isolierte Momente ein und beobachtet das Beiläufige genauso wie das Dramatische mit einem verweilenden, aber präzisen Blick. Die Verweigerung eines eindeutig vorgegebenen Handlungsstrangs oder konventioneller narrativer Anhaltspunkte versetzt die Zuschauer in einen Schwebezustand – man weiß nie, wo es hingehen wird und sieht nur Ausschnitte unterschiedlicher Leben, ohne dabei die Vorstellung eines großen Zusammenhangs präsentiert zu bekommen. Um den geht es auch gar nicht. Deshalb ist der Film dann am schönsten, wenn wir aufhören, nach Erklärungen und Eindeutigkeit zu suchen, wenn wir ihn als Möglichkeit einer neugeordneten Wahrnehmung und nicht als reines Erzählmedium verstehen. Die Bilder sind nicht von vornherein mit Bedeutung aufgeladen, die Bedeutungen eröffnen sich erst durch die Montage und durch die daraus entstehenden Räume zwischen den Szenen, die jede/r mit eigenen Imaginationen füllen kann und muss. So wie Ariane ganz langsam durch ein Buch blättert und der Film sich die Zeit dafür nimmt, müssen wir uns die Zeit nehmen, durch dieses filmische Bilderbuch zu blättern und uns selbst zu orientieren. Wir wissen, wer die Figuren sind, aber wir kennen sie nicht richtig; wir wissen manches über ihre Beziehungen zueinander, aber das Meiste bleibt im Verborgenen; und wir können sie vielleicht in der Gegenwart einordnen, aber ihre Zukunft ist nicht absehbar. Das Gerüst der Geschichte und die einzelnen Elemente sind da, was wir daraus machen, bleibt uns selbst überlassen – und genau darin liegt die traumhafte Qualität des Weges, auf den uns Schanelec führt. Traumhaft für die Figuren, weil sie den Ereignissen mit einer gewissen Machtlosigkeit gegenüberstehen und sich wie im Traum nur treiben lassen können. Traumhaft für die Zuschauer, weil scheinbar alle Richtungen und Wendungen offen stehen und die Gesetze der Logik nicht beachtet werden müssen. Es geht nicht darum, alles zu verstehen, sondern aus der Verwirrung heraus neue Perspektiven zu eröffnen – auch darauf, wie (und nicht was) filmisch erzählt werden kann.

30. Filmfest Braunschweig, Sektion: Neue Deutsche Filme
Der traumhafte Weg, Deutschland 2016, 86′
Regie & Buch: Angela Schanelec
Kamera: Reinhold Vorschneider
Schnitt: Halina Daugird
Darsteller: Miriam Jakob, Thorbjörn Björnsson, Maren Eggert
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 27.04.2017

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