Der Pioniergeist und das Klima

Von Tim Halbig
maxresdefaultDer eigentlich als Tierdokumentarfilmer tätige Luc Jacquet wendet sich in seinem neusten Werk Zwischen Himmel und Eis einer ganz besonderen Spezies zu: dem Glaziologen. In diesem Film begleitet er den französischen Polarforscher Claude Lorius beim Durchleben seiner früheren Entdeckungsreisen, die angetrieben waren von folgender Idee: Mithilfe von Tiefenbohrungen die im arktischen Eis gespeicherten Luftblasen und deren CO2-Konzentration und somit 800.000 Jahre Klimageschichte sichtbar zu machen.

Dies geschieht teilweise mit alten Archivaufnahmen aus dem Jahr 1955 und weiteren, die von den Wissenschaftlern selbst aufgenommen wurden und auch aktuellen Bildern. Eines haben alle Aufnahmen gemeinsam: Sie offenbaren in vielen langen Einstellungen die Besonderheit und Schönheit der weißen Wüste.

Wie in der heutigen Zeit zu erwarten, will dieser Film natürlich nicht nur die Schönheit in den Vordergrund stellen, sondern auch auf den allgegenwärtigen Klimawandel hinweisen, an dem der Mensch mit die Hauptschuld trägt. Denn im Anschluss an seine Entdeckungen warnte Claude Lorius bereits 1965 als erster Wissenschaftler vor den Folgen des Klimawandels. Dass diese natürlich nicht verharmlost werden dürfen, steht außer Frage. Allerdings ist die Art der Anprangerung teilweise etwas heuchlerisch, denn Lorius macht immer wieder die Gier der Menschheit nach Fortschritt und die Weiterentwicklung der Industrie zum Auslöser der unumkehrbaren Katastrophe. Dass die Maschinen der Forscher (große Kettenfahrzeuge, Schiffe, Hubschrauber und Frachtflugzeuge) auch im Film gut sichtbar einiges an Abgasen in die Umwelt und besonders auch in der Antarktis in die Luft blasen, wird im Zeichen des Pioniergeistes und der guten Sache gerne nicht weiter thematisiert. Auch das auf einer Expedition zwei Flugzeuge in Flammen aufgehen und ganze Forschungsstationen im Eis sich selbst (und der Natur) überlassen werden, scheint kein Großes Problem für die doch so fragile Natur darzustellen. Für die Erforschung fremder Welten muss laut Lorius die Natur besiegt werden. Und damit die kilometerlangen Bohrlöcher sich nicht wieder verschließen, werden sie mit Kerosin umspült, also auch eine eher weniger umweltbewusste Herangehensweise.

Eine zweifelhafte Dramatik bekommen die Bilder, wenn der Regisseur den gealterten Forscher in Regionen zeigt, die bereits vom Klimawandel beeinflusst und zerstört wurden und Lorious viel zu stumm und nachdenklich in den „Vordergrund“ gerückt wird.

Ich möchte betonen, dass der Klimawandel natürlich ein Thema ist, mit dem sich die Menschheit auseinandersetzten muss. Die Herangehensweise von Luc Jaquet ist allerdings, wie ich finde, trotz der beeindruckenden Landschaftsaufnahmen nicht gerade aufklärend. Denn das erhoffte Plädoyer für den Klimaschutz verfehlt aufgrund der beschrieben Fragen seine Wirkung. Und wer im Jahr 2016 noch nicht weiß, dass sich das Klima wandelt, wird durch diesen Film vermutlich nicht sehr viel aufgeklärter werden. Im Großen und Ganzen ist der Film und sein Protagonist nicht selbstreflektiert genug.

Zwischen Himmel und Eis (OT: La Glace et le Ciel), FR 2015, 86′
Regie: Luc Jacquet
Sprecher: Max Moor
Verleih: Weltkino Filmverleih
Kinostart: 26.11.2015 (DVD/Blu-ray: 01.04.2016)

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