Der Nachtmahr

Akiz, so bezeichnet sich der Regisseur seit 2010 bei vereinzelten Projekten selbst (Bürgerlich: Achim Bornhak), ist höchstens dem Einen oder Anderen durch seine Zusammenarbeit am Musikvideo Boom Boom Boom der Berliner Rapgruppe K.I.Z. bekannt. So stellt Der Nachtmahr unter diesem Pseudonym sein Debütfilm dar, während er davor unter seinem echten Namen vor allem Fernsehfilme und Werbungen produziert hatte.

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Der Nachtmahr leitet mit einer Warnung vor Stroboskoplicht und epileptischen Anfällen ein, die spätestens nach der darauf folgenden Einblendung „…dieser Film sollte laut abgespielt werden!“ eher einem Versprechen als einer Warnung gleicht und mit wenigen Worten die Ästhetik, die zu großen Teilen des Filmes vorherrscht, einleitet. Eingliedern lässt sich der Film in vier große Themenblöcke, die grob zusammengefasst aus dem Berliner Nachtleben, dem gutbürgerlichen Familienleben, einer psychischen Krankheit mit dem imaginierten titelgebenden Wesen und der Thematisierung der medialen Welt besteht, wobei die ersten drei Aspekte handlungsbestimmend sind und sich durch abrupte Schnitte abwechseln.

Unsere Protagonistin Tina (Carolyn Genzkow) treibt sich mit ihren Freundinnen und ihrem Angebeteten Adam (Wilson Gonzalez Ochsenknecht) gerne und oft auf lauten Parties herum. Allesamt sehen sie zu jung oder gerade alt genug aus, um sich dort aufhalten zu dürfen, wobei solche Gedanken vom ohrenbetäubenden Lärm der Musik und dem Stroboskoplicht, vor dem kürzlich noch zurecht gewarnt wurde, verdrängt werden und an dessen Stelle ein tranceartiger Zustand rückt, der die gezeigte Handlung nichtig erscheinen lässt und die audiovisuellen Eindrücke als tragendes Element dieser Szenen in den Vordergrund stellt. Dialoge sind unter dem Lärmpegel schwer verständlich oder werden gar untertitelt. Die wenigen ruhigeren Momente in der nächtlichen Ekstase zeugen von jugendlicher Freizügigkeit, unreflektiertem Drogenkonsum, probierfreudiger Sexualität und den obligatorischen Tiefpunkten, die mit Alkoholkonsum einhergehen.

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Immer wieder werden diese Szenen urplötzlich von Tinas Leben mit ihren Eltern unterbrochen und wechseln nach einem Einblick in das ruhigere Leben wieder zur Party, den man ohne Übergang und begleitet von lauter Technomusik oft als Schockmoment erlebt. Der familiäre Alltag erzählt vom üblichen Generationenkonflikt zwischen Eltern und Kind, in welches sich langsam häufend Tinas Halluzinationen eingliedern und den goblinartigen Nachtmahr mit sich bringen. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen psychischen Episoden und Realität, Traum und Wachzustand. Die Frage bleibt bis zum Schluss offen, welche Handlungsstränge nun wirklich stattfanden und welche die Vorstellungskraft fabrizierte, während man sich konstant in einer beklemmenden Unmündigkeit befindet, nicht mehr zwischen Fantasie und realer Welt unterscheiden zu können.

Daraus entspringt auch das selbstreflexive Bewusstsein des Films, wenn dieser sich bereits zu Beginn an den Kinobetreiber wendet und bittet, dass der Film doch laut gespielt werden solle. Auch durch die überwiegende Nutzung von expressiven, experimentellen Hand- und Schulterkameras wird Bezug genommen auf das Handwerk des Filmschaffens und bedient sich dadurch gleichzeitig der Ästhetik der Smartphonekamera, während im Film das Smartphone fast in humoristischer Weise überrepräsentiert wird in ihrer Nutzung bei den Jugendlichen. Hier stellt sich ebenfalls die Frage: Was ist eigentlich Realität und wo liegen die Grenzen zum Digitalen, Medialen und Fiktiven? Ist der Film einfach nur Film oder ist da mehr?

Akiz schafft es viele Fragen zum zunehmend medialisierten Leben zu stellen und Themen wie jugendliche Grenzerfahrungen oder psychischer Krankheit ohne erhobenen Zeigefinger und mit viel Empathie zu problematisieren ohne dabei einen Lösungsansatz für diese hoch komplexen Erfahrungswelten und die daraus resultierenden Problemen zu wagen, dabei gelingt es ihm eine treffende Bestandsaufnahme unserer digitalen, psychischen und (Konsum-)Welt zu skizzieren und uns simultan mit flackerndem Licht und lärmender Musik sinnbildlich unsere stetige Überforderung im täglichen Leben aufzuzeigen.

Der Nachtmahr, Deutschland (2015), 88′
Regie: Achim “Akiz” Bornhak
Drehbuch: Achim “Akiz” Bornhak
Kamera: Clemens Baumeister
Darsteller: Carolyn Genzkow, Wilson Gonzalez Ochsenknecht, Arnd Klawitter
Verleih: Koch Media
Starttermin in Deutschland: 26.05.2016

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