Der Mann aus dem Eis

Trotz oder gerade wegen seiner unabdingbaren Abhängigkeit und seiner Angst des Verlustes von Errungenschaften der modernen Zivilisation, neigt der Mensch in einer Sehnsucht nach einem Vergangenen, einem romantisierten Vorher, zu schwelgen. Die konkrete Zeit des Vergangenen kann jedwede Form annehmen, die idealisierte Illusion des unkomplizierten Gesterns kann von der letzten Woche bis zu mehrere tausend Jahre zurück reichen. Dabei manifestiert sich eine Sehnsucht aus dem Gedankengut der ewigen Romantiker heraus, die Vorstellung eines ursprünglichen Naturzustandes, der vor der menschlichen Zivilisation herrschte und eine friedliche Urform darstellen soll.

Felix Randau nutzt in seinem Film einzelne bekannte Fakten über das Leben der Steinzeit-Mumie “Ötzi” und kreiert darum einen Plot in dessen Zentrum ein klassischer Rachefeldzug steht. “Ötzi” (Jürgen Vogel), im Film als Kelab benannt, lebt in der Jungsteinzeit mit seiner kleinen Sippe in einem Alpental. Als Familienvater und zentral durchführende Figur von Geburts- und Bestattungsriten scheint er der Anführer der kleinen Gruppe zu sein. Direkt zu Anfang des Filmes werden Kelab und der Zuschauer mit der Szenerie einer Geburt konfrontiert, welche zugleich den Tod der Gebärenden zufolge hat und die fortführende Gangart des Filmes schon erahnen lässt.

Der Mann aus dem Eis inszeniert das jungsteinzeitliche Leben in den Alpen grausam und trostlos. Visuell wie auch auf inhaltlicher Ebene ist Iñárritus “The Revenant” als Vorbild deutlich erkennbar. Die Einstellungen sind kühl und blass gehalten, während versucht wird, mittels der hauptsächlichen Nutzung von Naturlicht und den für Lubezki (Kameramann bei “The Revenant”) typischen plansequenzartigen Kamerafahrten, seinem Stil möglichst nahezukommen. Durch diese Bilder erweist sich die unberührte Alpenlandschaft nicht als romantischer Sehnsuchtsort, sondern strahlt permanent Bedrohlichkeit aus. Der unzivilisierte Jungsteinzeitmensch ist nur ein weiteres gefährdetes Lebewesen in den Fängen der Natur. Diese Inszenierung findet ihren Höhepunkt in einer Sequenz, in der Kelab in eine Gletscherspalte herabstürzt und sich dort der aussichtslosen Macht der Natur geschlagen geben muss. Eingeschlossen in Wänden aus Eis, die unerreichbare Öffnung über ihm aus der Licht und Schnee auf seinen Körper einfallen, bildet die Schlüsselszene der menschlichen Unterordnung. Leider gibt es nur eine geringe Anzahl an Szenen wie dieser, die eines zweiten Blickes wert sind, da die im immer gleichen Stil gehaltenen Bilder im Laufe des Filmes repetitiv werden und insgesamt nicht von großer Inspiriertheit zeugen.

 

Auf narrativer Ebene muss der sich nach einem Fluchtort im fiktiven Naturzustand Sehnende ebenfalls an der Härte des Filmes gescheitert sehen. Während Kelab allein auf die Jagd geht, wird seine gesamte Sippe von drei Angreifern scheinbar wahllos getötet, auch vor Vergewaltigungen und das Verbrennen von Kindern machen sie dabei kein Halt. Die einzig erkennbare Motivation scheint die Inbesitznahme einer Art Schatulle zu sein, die bereits bei den Riten der Sippe eine Rolle spielte, und dessen Inhalt dem Zuschauer nicht bekannt ist. Wenn Kelab zurückkehrt findet er lediglich das zu Anfang des Filmes Neugeborene lebendig auf und macht sich mit diesem und einer Ziege zu seinem persönlichen Rachefeldzug und der Rückeroberung des gestohlenen Gegenstandes auf. Hier beweist der Film aber seine größten Schwächen, denn bei aller Tragik kommt kaum Empathie für den Protagonisten auf. Dies liegt zum einen an der überzeichneten Grausamkeit und der omnipräsenten bedrückenden Stimmung, welche das Einzelschicksal Kelabs kaum ernst zunehmen lässt. Zum anderen sind die Charaktere kaum auf menschlicher Ebene wahrnehmbar. Sie wirken distanziert, halten Dialoge in einer fiktiven Sprache und scheinbar positiv emotionale Momente verfallen im Kontext der filmischen Inszenierung zu absurd komischen Situationen. Wenn Kelab das Neugeborene dadurch stillt, dass er es unter die Ziege hält, um daraufhin breit und süffisant grinsend in die Kamera zu schauen, obwohl kurz zuvor seine gesamte Sippe ermordet wurde, entwickelt dies eine absurde Komik und erzeugt eine weitere Distanz zur eigentlich tragischen Situation.

Neben die Natur gesellt sich nun also auch noch der Mensch als Teil der großen Grausamkeit hinzu. Das auch in der Folge des Filmes auftretende Töten und Kämpfen und die Abstinenz von erkennbarem moralischen Denken der Figuren erinnert an die Theorie des Naturzustandes des Menschen nach Hobbes: “bellum omnium contra omnes”. Krieg aller gegen alle. Ohne Zivilisation und Gesellschaft ist der Mensch nur ein sich bekriegendes Geschöpf der Natur und des Eigensinns. Erst mit der späten Selbstreflexion Kelabs, ausgelöst durch den Gegenstand in der begehrten Schatulle, einem Spiegelbild werfenden Edelstein, scheint er sein Handeln moralisch zu überdenken und muss feststellen, dass dies zu spät geschieht. In seiner Gesamtheit wirkt der Film wie eine plakative Aufforderung zur Wertschätzung von Selbstreflexion und Moral. Zudem mutet es zum Teil an, als würde es sich um eine stark überzeichnete Hommage an die vermeintlich funktionierende moderne Gesellschaft mit ihren regulierenden Werten und Normen handeln, die den Menschen vor der Grausamkeit des Naturzustandes bewahrt, denn wo die individuelle Moral versagt sichert sie die Gesellschaft und die Natur ist ohnehin nur eine Bedrohung.

Der Mann aus dem Eis zieht seinen Stil den gesamten Film in konsequenter Weise durch. Leider funktioniert dieser lediglich temporär und löst durch seine Härte eher Unverständnis aus. Nach kurzer Zeit fühlt sich das Filmerlebnis dadurch bereits eintönig und belanglos an, was durch den schnell aufkommenden Vergleich mit “The Revenant” noch verstärkt wird. Randau kreiert statt einer Fluchtmöglichkeit aus der Zivilisation eine Rückbesinnung auf diese und flüchten kann der Zuschauer höchstens aus dem Kino.

Der Mann aus dem Eis, Deutschland/Italien/Österreich, 2017

Regie & Drehbuch: Felix Randau

Kamera: Jakub Bejnarowicz

Darsteller: Jürgen Vogel, André M. Hennicke

Verleih & Bildrechte: Port-au-Prince.

Starttermin: 30.11.2017

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