Der Aufsteiger

Filmfest Braunschweig
L’exercice de l’État / Regie: Pierre Schöller / F/Belgien 2011 / 115′

Umgeben von maskierten Männern in schwarzen Kutten wird eine nackte Frau einem Krokodil vorgesetzt. Sie sitzt dem Tier zunächst mit gespreizten Beinen gegenüber, bis es sein Maul öffnet und sie ihm entgegen kriecht. Träge liegt das Krokodil an derselben Stelle und rührt sich kaum, während die Frau langsam ins Innere verschwindet. Hier kommt das Opfer zum Killer, es gibt keine Jagd, keinen Kampf, sondern bereitwilliges Anbieten und selbstgefälliges Annehmen. Dem Krokodil ist es egal, was ihm vorgesetzt wird, es muss nicht mehr tun, als sein Maul zu öffnen und zu empfangen, solange das Opfer den ersten Schritt in seine Richtung geht. Wer sich Schritt für Schritt in Richtung Macht bewegt, wird irgendwann von ihr verschlungen – so einfach kann man sich die Interpretation dieser Szene in Hinblick auf das Thema des Films machen. Allerdings ist es vielleicht doch nicht ganz so einfach. Denn noch bevor die Frau völlig in den Tiefen des Krokodils verschwindet, folgt ein Schnitt und es wird klar, dass die surreale Anfangsszene ein Traum vom Protagonisten Bertrand Saint-Jean (Olivier Gourmet) ist. Ist der Traum als Warnung vor den Gefahren steigender Macht zu sehen? Ist Saint-Jean die Frau oder das Krokodil? Ist die Vorstellung von Macht verschlungen zu werden bedrohlich oder eher ein Wunschgedanken? Die beim Erwachen demonstrativ ins Bild gesetzte Erektion unter der Bettdecke deutet zumindest auf Letzteres hin…

Bertrand Saint-Jean ist Verkehrsminister und wird aufgrund eines schweren Busunfalls aus seinem Traum gerissen. Mitten in der Nacht wird er zum Unfallort gefahren, um vor versammelter Presse Stellung zu dem Unglück zu nehmen. Von seiner Assistentin bekommt er immer die passende Krawatte in die Hand gedrückt und die Reden und Statements stammen natürlich auch nicht aus seiner eigenen Feder. Schon zu Beginn zeigt der Film die Chancen und Risiken einer solchen Tragödie für einzelne Politiker. Ihr Verhalten in Krisen ist entscheidend, zeigt sich doch erst in schweren Situationen, ob diejenigen ihren Job gut machen, Verantwortung übernehmen und vor allem handeln. Und nachdem Saint-Jean die erste Hürde der öffentlichen Stellungnahme nimmt, kommt es zum nächsten Problem. Die Debatte um die Privatisierung französischer Bahnhöfe erreicht ihren Höhepunkt und wird über den gesamten Film hinweg ein ewiges Hin und Her bilden, wobei es auch nicht unbedingt um die Klärung dieser Frage geht, sondern um die Darstellung der verschiedenen Machtstrukturen und auch des individuellen Verhaltens einzelner Politiker. Wer steht über wem? Wer schafft es, den anderen zu manipulieren? Und wer steht letztendlich im positiven Licht und wird von der Bevölkerung akzeptiert? Saint-Jean ist dabei von Anfang an in gewisser Weise ein Außenseiter. Irgendwann wird im Film auch angesprochen, er komme direkt aus dem Volk und man bräuchte mehr Männer seiner Art in der Politik. Aber er wirkt wie ein Fremdkörper. Ein bisschen zu schwerfällig und plump, den Anzug übergestreift wie eine Zwangsjacke. Man hat das Gefühl, dass er sich wohler fühlt, wenn er besoffen und oberkörperfrei Beton mischt oder wenn er die wahrscheinlich wichtigste Nachricht seiner aktuellen Politiker-Karriere mit heruntergelassener Hose auf dem Klo sitzend empfängt. Generell wird diese nicht vorhandene Diskretion der eigenen Körperlichkeit immer wieder betont, wenn er sich auf der Fahrt zum Unfallort übergeben muss oder während einer Sitzung einen ausartenden Hustanfall bekommt oder beim Trinken nicht weiß, wann Schluss ist. Bertrand Saint-Jean ist kein typischer Politiker und er ist es doch. Manchmal sympathisiert man mit ihm, weil er nicht ganz so schlimm erscheint wie die anderen, meistens aber beschleicht einen eher das Gefühl, da besteht kein wirklicher Unterschied.

Formal stechen besonders die zahlreichen Aufnahmen von Autofahrten und das atmosphärische Sounddesign heraus. Schon die anfängliche Traumsequenz wird mit einem bedrohlichen, verstörenden Sound unterlegt, der direkt Unbehagen erzeugt. Immer wieder gibt es diesen Effekt, sodass, wenn auch nur unbewusst, eine gewisse permanente Angespanntheit herrscht und das Gefühl von Bedrohung immer mitschwingt. Der Fokus aufs Fahren bzw. gefahren werden und gleichzeitig auch auf den Fahrer wird zu einem bedeutenden Merkmal des Films. Man hat den Eindruck, Saint-Jeans Zeit im Auto und im Büro sind ungefähr gleichwertig verteilt, sodass eben dieses Auto zu einem sicheren Ort, einem zweiten Zuhause wird, besonders wenn er eine fast freundschaftliche Beziehung zu seinem neuen Fahrer entwickelt. Die Gewöhnung an diese Autofahrten überträgt sich von den Figuren auf die Zuschauer, sodass es unweigerlich zum größten Schockmoment des Films kommt, wenn eine Fahrt abrupt endet. Dieser Moment ist gleichzeitig Schlag ins Gesicht und Wendepunkt. Der Film treibt bis zu diesem Punkt immer weiter voran, wirft immer mehr Dinge zusammen und mit einem Schlag wird alles ausgelöscht. Es ist außerdem auch der Punkt, an dem die Diskrepanz zwischen demjenigen, der Entscheidungen trifft und demjenigen, der die Konsequenzen dafür trägt, deutlich wird. Saint-Jean erholt sich von diesem Schock, als Zuschauer aber verbringt man den Rest des Films schwebend, man sitzt nicht mehr mit im Auto, sondern hält Sicherheitsabstand, bis man sich am Ende ganz lösen kann.

Einen filmischen Blick hinter die Fassaden der Politik gab es sicher schon oft und in L’exercice de l’État steckt viel Typisches, wenn es um die Verteilung von Macht, um das nicht vorhandene Privatleben der Politiker oder auch einfach um Undurchsichtigkeiten geht. Wer eigentlich hinter welchem Wort steht und wer welche Meinung vertritt, ist oft unklar. Allerdings schafft es der Film, all diese Aspekte mit einer starken unbehaglichen Atmosphäre zu verbinden, die sich auch nach dem großen Schockmoment glücklicherweise nicht einfach auflöst. Rein inhaltlich ist es schwierig festzuhalten, um was es wirklich geht, vor allem wenn man sich (wie ich) nicht wirklich mit französischer Politik und deren Strukturen auskennt. Der Film macht es einem aber leicht, sich von dem Gedanken zu verabschieden, jeden Aspekt und alle Beziehungen verstehen zu wollen, da er genügend andere Anknüpfungspunkte bietet und man zum Verständnis der Darstellung politischer Machtverhältnisse nicht unbedingt über die genauen Abläufe Bescheid wissen muss. Eine wichtige Erkenntnis bietet der Film in einem Satz aber selbst. Saint-Jean diskutiert in angetrunkenem Zustand mit der Frau seines Fahrers über die öffentliche Darstellung von Politikern und den seiner Meinung nach fehlenden Respekt ihnen gegenüber, wenn immer wieder Witze über sie gemacht werden. Die Reaktion der Frau lässt sich wunderbar auf das Politikerbild im Film übertragen: “Karikatur und Vorlage sind sich eben manchmal zu ähnlich.”

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