Demons

Für einen Traum, den eigenen, ganz großen Traum, wer würde dafür bis an seine Grenzen gehen, und sogar noch darüber hinaus? Wer würde bereitwillig seinen Verstand verlieren?

Allen voran: Demons ist ein Film, auf den die Zuschauenden Lust haben müssen. Ohne die Bereitschaft, sich absolut auf das Geschehen einzulassen, kann Demons nicht funktionieren. Denn es geht darum, den Verstand zu verlieren, gemeinsam mit den Protagonist*innen. Gegen den Sog, den die Verlockung ausübt, sollte niemand ankämpfen. Sonst kann Demons seine ziemlich geniale Wirkung nicht entfalten.

Denn Dreh- und Angelpunkt von Demons ist, dem Wahnsinn und der Besessenheit völlig zu verfallen; nicht ganz freiwillig, aber unaufhaltsam. Genau dies passiert der Protagonistin Vicki. Schüchtern, ein bisschen langweilig und sehr unsicher möchte sie trotzdem eine erfolgreiche Schauspielerin werden. Darum kämpft sie regelrecht darum, eine Rolle in dem neuen Theaterstück des Regisseurs Daniel zu ergattern. Zunächst überglücklich darüber, tatsächlich besetzt zu werden, schlägt ihre Freude bald ins Negative um. Daniel scheint seine Macht über Vicki regelrecht zu genießen und somit lässt er kaum eine Gelegenheit aus, sie zu erniedrigen. Für ihn gehört die Qual seiner Schauspielerin untrennbar zum künstlerischen Schaffen dazu und er scheint die sensible Vicki tatsächlich zu brechen. Doch bald unterliegt er denselben Dämonen wie sie, und während sie es schafft, von diesem Kampf zu profitieren und zur buchstäblichen Göttin aufzusteigen, wird Daniel immer mehr zum Opfer und von unerträglichen Schuldgefühlen geplagt. An seinen Händen klebt Blut, doch wieso? Seit wann? Was könnte er getan haben?

Die Handlung als solche scheint in der Zusammenfassung nichts überragend Besonderes zu sein. Satirisch und bitter-böse agieren überzeichnete Charaktere in einem unausgeglichenen Machtverhältnis, das sich bald ins Gegenteil umkehrt. Doch das, was Demons wirklich ausmacht, ist die visuelle Ebene. Seltsame und unerklärliche Bilder symbolisieren den Zerfall der Psyche der Protagonist*innen, Spukgestalten treiben sich im Hintergrund herum, Tag und Nacht verschwimmen zu einem untrennbaren Eins. Außerdem ist Singapur eine großartige Kulisse, die viel zu selten auf der großen Leinwand zu bewundern ist. Doch diesem Umstand ist es zu verdanken, dass Demons vor allem mit westlichen Sehgewohnheiten umso mehr bricht.

Grundsätzlich bricht Demons mit allem, was bekannt ist. Der Film bleibt kaum greifbar. Immer, wenn es so scheint, dass die Handlung durchschaut wurde, passiert wieder etwas Unvorhergesehenes, den Zuschauenden wird immer wieder der Boden unter den Füßen weggezogen, bis sie selbst anfangen, an ihrem Verstand zu zweifeln. Beinahe unerträgliche Szenen werden bis zur Schmerzgrenze in ihrer Länge ausgereizt. Es tut tatsächlich weh, Vicki für und wegen ihrer Leidenschaft leiden zu sehen. Und doch bleibt man wie gebannt sitzen und schaut weiter zu – weil man sich so sehr mit Vicki identifiziert und sie bald in Sicherheit wissen möchte? Oder weil man sich wie Regisseur Daniel an ihrem Leid ergötzt? Aber wieso schaut man, als Daniel in denselben Abgrund stürzt, mindestens genauso aufmerksam zu? Es ist eine Angstlust, die Demons auslöst, es ist ein Zwang, zuzuschauen, bis das Schlimmstmögliche passiert. Jeder, der hinsieht, ist nicht besser als Daniel oder auch Vicki, während beide für jeden sichtbar zerbrechen. Blut fließt zwar kaum, aber muss es das? Wenn Vicki von erniedrigenden Halluzinationen geplagt wird, oder Daniel nicht merkt, dass er stundenlang an derselben Stelle gestanden und geschrien hat, muss dann noch Blut fließen? Raum und Zeit lösen sich auf und verschlingen alle, die ihre Dämonen freigelassen haben, mit Haut und Haar bei lebendigem Leib, lassen sie aber trotzdem nicht sterben. Vicki und Daniel müssen mit den Konsequenzen ihrer Taten leben. Und leiden.

Beinahe jeder Frame ist ein eigenes kleines Kunstwerk, selbst die noch so surrealen Momente, aber gleichzeitig bleibt alles ein einziges Rätsel. Überall ist eine Bedeutung zu vermuten, eine Symbolik zu erkennen – oder ist alles letztendlich nur sinnentleerte Ästhetik? Was hat schon Bedeutung? Ruhm und Schauspielerei etwa?

Demons schwankt stets zwischen präzise beobachteter Charakterstudie, bitterböser Satire, eiskalter Abrechnung und Low-Budget-Horror. Manchmal lustig. Manchmal gruselig. Immer verstörend, immer faszinierend. Es ist unmöglich, Demons zu verstehen oder gar vorherzusehen, alles, was man tun kann, ist zuzuschauen. Es scheint beinahe, als würde hier eine urbane Legende über eine Schauspielerin und einen Regisseur erzählt werden, die beide zu viel wollten und nun auf ewig verdammt sind. Denn so unwirklich und surreal die Geschehnisse auch zu sein scheinen, scheint alles letztendlich doch in der Realität verankert.

Sicherlich trifft solch ein eigensinniger Film wie Demons nicht den Massengeschmack, das will dieser Film auch überhaupt nicht. Doch trotzdem lohnt es sich, bis zum Schluss durchzuhalten, denn ein solch gnadenloses Finale inmitten der Hochhausschluchten Singapurs bekommt man nur selten zu sehen. Ob jenes Finale bloß ein bedeutungsloses Erlebnis ist, oder Daniel dort mit seinen namen- und gesichtslosen Dämonen konfrontiert wird, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Bei jedem selbst liegt auch die Entscheidung, überhaupt bis zu diesem Moment durchzuhalten. Das Publikum auf der Berlinale 2019 zumindest war sich in diesem Punkt uneins. Viele entschieden sich zur Flucht, ob durch Ekel, Verwirrung oder Identifikation, bleibt deren Geheimnis.

 

Demons, Singapur 2018, 83 Min.
Regie: Daniel Hui
Buch: Daniel Hui
Kamera: Looi Wan Ping
Schauspieler: Yang Yanxuan Vicki, Glen Goei, Viknesh Kobinathan, Eshley Gao, Tan Bee Thiam, Daniel Hui, Violet Goh
Verleih: Weltvertrieb bei Reel Suspects/Frankreich
Kinostart: –

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