Deep Tissue

Viv (Meredith Alloway) inspiziert sich im Spiegel. In Unterwäsche betrachtet sie sich von allen Seiten. Sie ist sichtlich nervös und scheint sich mental auf etwas Intimes vorzubereiten. Mit einem Lippenstift beginnt Viv sich rote große Kreuze auf einige Stellen ihres Körper zu malen. Oberarm und Rücken werden so für ein unbekanntes Ziel markiert. Es klingelt an ihrem Hotelzimmer. Ein junger Mann namens Sebastian (Peter Vack) steht im uniformen Weißton in der Türschwelle und trägt einen ebenfalls weißen, großen Koffer hinein. “Keine Besuche außer Haus”, insistiert Sebastian und macht dann doch für dieses eine Mal eine Ausnahme. Er öffnet die Verschlüsse des großen weißen Kastens und positioniert ihn etwas mühselig im doch platzarmen Raum. Jetzt kann sich Viv bauchlings positionieren, um im Anschluss von Sebastian massiert zu werden. Die roten Kreuze verwischen bis zur Unkenntlichkeit. Trotzdem sind ihm die entsprechenden Stellen bekannt und er beginnt unter großer Lust ihrerseits hineinzubeißen und Fetzen ihrer Haut zu verzehren. Sichtlich beglückt verabschieden sich beide voneinander. “Beim nächsten Mal machen wir es bei dir zu hause”. Und natürlich das Fläschchen mit der roten Flüssigkeit nicht vergessen. Die ist für dich.

Meredith Alloways neunminütiges Deep Tissue lässt uns teilhaben an einem intimen Moment zweier Menschen. Halb Arbeit, halb Vergnügen bewegt sich die Situation zwischen freundschaftlichem Umgang, Massage, Sexwork und Kannibalismus. Wieso? Und wo bleibt die Erklärung? Der identifikatorische Moment bleibt aus. Niemand geht mit uns unwissend in eine fremde Situation. Viv und Sebastian sind eingeweiht. Nur wir nicht. Uns bleibt nur das Spektakel, die Erfahrung, das Unintelligible. Die sonst oftmals forcierte und übervorsichtige Exposition wird ersetzt durch den Überraschungsmoment. Aber was kann uns die Regisseurin selbst sagen? “For years, I’d been thinking a lot about co-dependent relationships and that fine line between pain and pleasure. Why do people submit themselves to certain ‘toxic’ relationships? When is it coming from trauma, desire or both? And when is it ever definable as good or bad”? Ist die Situation denn wirklich toxisch? Scheinen es beide bis zum Schluss nicht zu genießen? Erscheint die destruktive Seite der Beziehung erst in der zukünftigen zurückblickenden Reflexion? Oder steckt in jeder intimen Begegnung beides? Also good and bad? Ist diese Praxis krankhaft? Entsteht sie aus einem Trauma oder ist es gesundes Begehren? Können wir diese Unterscheidung überhaupt für unsere eigene Sexualität feststellen? Alloway stellt Fragen, aber scheint keine Antworten geben zu wollen. Und die Fragen selbst sind im Film eher implizit und resultieren aus dem Unwissen und der Fremde, die man zu den Szenen verspürt. Inwiefern diese Fremde, die kaum merklich gleichzeitig eine Spur Vertrautes inne hat, uns wie in den Ansätzen poststrukturalistischer sowie feministischer Theoretiker*innen helfen kann, unsere eigene Gegenwart zu erklären, muss im Nachklang zu Deep Tissue individuell mit der eigenen Erfahrungswelt ausgemacht werden. Der Film vermag uns hierfür nur einen Anfang zu geben.

Deep Tissue ist auf dem Internationalen Filmfest am 19.11. um 22:45 Uhr zu sehen.

Deep Tissue, USA 2019, 9 Min.
Regie & Drehbuch: Meredith Alloway
Kamera: Justin Hamilton
Schauspieler*innen: Meredith Alloway, Peter Vack
Verleih & Bildrechte: ATW Productions

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