Dearest

Man hätte bereits skeptisch werden können, als die Festival-Moderation Peter Ho-Sun Chan als den „chinesischen Steven Spielberg“ ankündigte. Trotzdem überwog zunächst noch die Zuversicht gegenüber seinem neusten Film Dearest, der von diversen Filmfestivals durchgewunken wurde und jetzt in Braunschweig seine Deutschlandpremiere feierte.

Mit ihrem Fokus auf scheinbar Belangloses – ein Gestrüpp aus Telefonkabeln, eine rote Stoffschleife und kleines schwarzes Kätzchen – etabliert die Kamera bereits in den ersten Filmsekunden ein unaufgeregtes Alltagsgeschehen in der chinesischen Großstadt Shenzhen. Wir begleiten den 3 jährigen Pengpeng in seinem quietschgelben Anorak vormittags im Büro seiner neu verheirateten Mutter Lu, mittags in der Kantine mit einen Häschchen-Cupcake und am Nachmittag energiegeladen im Internetcafé seines Vaters Tian und gemeinsam mit seinen Spielkameraden auf dem örtlichen Spielplatz. Dort erblickt er auch das vorbeifahrende Auto seiner Mutter und folgt ihr durch die beengten Seitenstraßen hindurch. Sekunden später, nachdem er seine Mutter wieder aus den Augen verloren hat, verlieren wir Pengpeng selbst aus den Augen, als er von einem fremden Passanten plötzlich gepackt und mitgenommen wird.

Dearest

Wie es sich für eine Geschichte um eine Kindesentführung gehört, scheut sich auch Dearest nicht davor maßlos auf die Tränendrüse zu drücken. Nachdem uns der kleine Pengpeng bereits nach so kurzer Zeit ans Herz gewachsen ist, fühlen wir nun mit den aufgewühlten Eltern mit, die verzweifelt die halbe Stadt nach ihm absuchen. Ohne polizeiliche Unterstützung, dafür aber mit dramatischen Violinen- und Klavierklängen unterlegt. Nachdem Lu und Tian sich daraufhin einer Selbsthilfegruppe für Eltern entführter Kinder anschließen, gelingt es ihnen Pengpeng nach drei Jahren wiederzufinden und ihn, so inszeniert es jedenfalls der Film, von seiner neuen Mutter und einer wütenden mit Heugabeln gewaffneten Landbevölkerung zurückzustehlen.

Ab diesem Punkt verschiebt der Film nun plötzlich seinen narrativen Fokus weg von den (leiblichen) Eltern von Pengpeng, hin zu seiner zwischenzeitlichen Mutter und Ehefrau des Kinderentführers, hin zu ihrem Anwalt, den sie für den Kampf um das Sorgerecht engagiert, hin zu dessen eigener Mutter und ihrem problematischen Gesundheitszustand. Wer diese rhizomatische Erzählung aber als eine Erarbeitung des Sujets aus verschiedenen Perspektiven auslegt, wird leider enttäuscht werden: Vielmehr scheint es als ob der Film die Schar an neuen Charakteren nur einführt, um noch mehr Personen in Tränen aufgelöst porträtieren zu können. Rechtliche und gesellschaftliche Implikationen des Themas handelt der Film in Nebensätzen ab, nur um dann wieder zu emotionsgeladenen Symbolbildern zurückzukehren. Der Moment als Pengpeng etwa zum ersten Mal nach seiner Rückkehr die Hand seiner Mutter ergreift wird mit dem Bild eines einsetzenden Springbrunnens gleichgeschaltet. Und dieser Springbrunnen pausiert an anderer Stelle genau dann, als der Wunsch nach einer Ehescheidung geäußert wird.

Da der Film zudem auf wahren Gegebenheiten basiert, genügt es ihm natürlich nicht einzig die fiktiven Figuren leiden zu sehen. Und so zeigt er uns abschließend noch in dokumentarisch anmutenden Aufnahmen die wahren Person, mit ihren echten Emotionen und ihren wahrhaftigen Tränen, damit auch der Letzte im Publikum begreift, was für eine herzzerreißende Geschichte hier doch erzählt wird.

Sektion: Neues Internationales Kino
weiterer Termin auf dem Filmfest Braunschweig: 04.11
Dearest (OT: Qin Ai De Xiao Hai), China/Hongkong 2014, 130′
Regie: Peter Ho-Sun Chan
Drehhuch: Ji Zhang
Kamera: Shu Chou
Darsteller: Zhao Wei, Huang Bo, Tong Dawei
Verleih & Bildrechte: Versatile

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