David Finchers “Mank” aus verschiedenen Perspektiven

6 Jahre nach seinem letzten Film “Gone Girl” veröffentlicht Netflix einen neuen Film von David Fincher. Basierend auf einem Drehbuch seines Vaters erzählt der Film von dem Zeitraum, in dem Herman J. Mankiewicz (gespielt von Gary Oldman) das Drehbuch zu Citizen Kane geschrieben haben soll. Andere Schauspieler:innen sind u.a. Amanda Seyfried als Marion Davies, Charles Dance als William Randolph Hearst und Lily Collins als Rita Alexander.


Perspektive 1: Belanglosigkeit?

von Tim Meldau

Mank ist nicht schlecht. Nein, durchaus nicht. Stattdessen ist er einfach unglaublich belanglos. 133 Minuten plätschert Finchers neuestes Werk vor sich hin, immer auf der Suche nach dem nächsten scheinbar prägenden Moment in Herman J. Mankiewicz’ Leben auf seinem Weg zu Citizen Kane, in welchem er selbst wie ein Nebencharakter wirkt. Fast jede Figur, mit der der Protagonist interagiert, wirkt interessanter als er. Besonders sticht dabei die von Amanda Seyfried großartig gespielte Marion Davies hervor – bitte, gebt Seyfried mehr solcher Rollen. Gefilmt in cinematographischer Perfektion kommen Fincher und Erik Messerschmidt dem reinen Schwarz-Weiß-Fetischismus unangenehm nahe, wenn der Staub im Lichte des Landhauses tanzt, während Mankiewicz im Vordergrund seinen Kater ausschläft. Das macht zwar eine nette Diashow, wirkt als Film aber irgendwann doch unangenehm und man fragt sich, was Fincher mit diesem Film eigentlich bewirken wollte, bevor man sich schlafen legt und vergisst, dass dieser Film überhaupt existiert. Hoffentlich sind zumindest die Beteiligten mit ihrem Werk zufrieden und konnten etwas daraus mitnehmen, ich konnte es nicht.


Perspektive 2: patrimoniale Persiflage

von Marc Beinling

Mit Mank schafft David Fincher das, was visionär vorher von seinem Vater dirigiert worden ist: ein semi-historisches Bio-Pic über die Genialität eines im Bett liegenden, alkoholkranken Kreativen. Mank ist ein untypischer Fincher Film, da er in erster Linie nicht mit dem hausiert, was bei seinem Namen erwartet wird. Mank ist kein durch düster bis verkopfte Optik und Schreibe inszenierter Thriller. Begrenzt zeigt er dabei seinen Stil durch die Kameraführung und einzelne Einstellungen.
Fincher versucht sich an einer Persiflage des alten Hollywoods doch fängt den Look eines dreißiger Jahre Films nur selten ein, weil er den Charakterdarstellungen nur wenig Zeit einräumt.
Der Film fühlt sich nach den guten 131 Minuten an wie ein langgezogenes Zitat, dass nur stark in dem Thema verankerte Cineasten abzufeiern wissen. Und dieser Vergleich trifft auch auf die Figur Manks selbst, dargestellt von Gary Oldman, zu. Immer wieder wird sein doch verbittertes, krankes Porträt dadurch abgestaubt, dass aus dem Nichts seine Persona durch recht zusammenhangslose Taten in die höchsten Himmel gelobt wird. Analogisch könnte man formulieren, dass ihm der Mund nach dem Erbrechen mit einer Serviette abgewischt und nachher noch der Rücken warm gerubbelt werden würde. Dadurch wird diese Außenseiterposition nicht nur unglaubwürdig, sondern auch zu einem Heroine geformt, der in der Form nichts existiert…


Perspektive 3: Neuster Streich der digitalen Albtraumfabrik mit dem großen N

von Marvin Pietsch

Mank ist der perfekte Netflix-Film. Denn mit David Finchers neuem Film haben wir es mit einem eindeutigen Charakterfilm zu tun, passend zu den tausenden Serien auf Netflix, die auch nur über eine absurde Anzahl an Staffeln ihre Figuren mit dem Nudelholz breitrollen. Ähnlich platt sind auch die Charaktere in Mank, denn durch den Stil des Filmes wirken alle Figuren wie reine Abziehbilder. Es ist sicherlich charmant, dass der Stil der Eigenschaft des Filmes als Medium der ‘höheren Wirklichkeit’ Rechnung trägt, in dem er die Figuren inszeniert, wie sie sicherlich im kulturellen Gedächtnis auch verankert sind – oder um es plump zu sagen: der Film ist der alte Gag, dass die Welt damals auch s/w war, aber auf 131 Minuten aufgeblasen. Der vermeintliche Charme krankt allerdings an Finchers Stellenwert für den digitalen Film. Fincher steht der für das Neue und mit Mank beweist er im Gegenzug, dass er weder “das Alte” kann, noch eine akzeptable Mischform aus Beidem. Der Stil des Filmes bleibt stets lapidar liminar – einerseits ist Mank definitiv keine gute Nachahmung des alten Hollywoods (das mal kurz Cue Marks zu sehen sind, mag ich nicht mal als Versuch der Bemühung deuten, sondern eher als absurdes Eingeständnis des Scheiterns), auf der anderen Seite wird dagegen auch nichts Neues geboten. Zwar schafft Fincher in Zusammenarbeit mit Kameramann Messerschmidt zwar, wie eigentlich immer, Räume interessant zu filmen. Aber sowohl den Figuren, als auch den Räumen fehlt die Zeit zur Entfaltung. Stattdessen wird von Szene zu Szene gehechelt. Sequenzen gibt es da gar nicht; Stattdessen gibt es eine ruckelige Achterbahn die gleichzeitig zu schnell und zu langsam ist. Interessant wird es, wenn Mank mit The Aviator von Martin Scorsese verglichen wird. Bei beiden Filmen war Finchers Vater federführend, doch bei der Inszenierung fliegt Scorseses Hughes Finchers Mankiwiecz davon. Wer also eine Lobhudelei, einen cineastischen Circlejerk auf die Rolle von alten weißen Männern im guten alten Hollywood sehen will, guckt lieber den Aviator. Der ist jedoch im Contentsumpf der Mittelmäßigkeit auf Netflix – wenig überraschend – nicht zu finden.


Mank, USA, 131 Minuten
Regie: David Fincher
Drehbuch: Jack Fincher
Kamera: Erik Messerschmidt
Schauspiel: Gary Oldman, Amanda Seyfried, Charles Dance

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