Daumenkino special: Materialfilme

Film in which there appear Edge Lettering, Sprocket Holes, Dirt Particles, Etc." von George Landow

Film in which there appear Edge Lettering, Sprocket Holes, Dirt Particles, Etc.” von George Landow

Am Dienstag, 14.5. um 20 Uhr wird im Filmstudio der HBK ein Kurzfilmprogramm mit historischen Materialfilmen auf 16mm gezeigt. Das Programm umfasst Klassiker von Künstlern wie Stan Brakhage, George Landow und Birgit Hein, die das Filmmaterial zerkratzten, bemalten, beklebten – oder ganz unberührt ließen.

"Kosmos" von Thorsten Fleisch

“Kosmos” von Thorsten Fleisch

Filmmaterial wurde schon seit Beginn der Filmgeschichte als Oberfläche benutzt, auf die man auch ohne Linse und Apparat Bilder und Schriften auftragen konnte, um sie anschließend zu projizieren. In dem am 14.5. vorgestellten Programm geht es aber weniger um den Film als Schreib- und Malunterlage, sondern um den Materialfilm der 60er und 70er-Jahre, der das Filmmaterial selbst thematisierte. Filmemacher wie George Landow oder Birgit und Wilhelm Hein machten so genannte strukturelle Filme, die das Medium selbst zum Gegenstand hatten. Im Film Film in which there appear Edge Lettering, Sprocket Holes, Dirt Particles, Etc. von George Landow (1966) bekommt man sechs Minuten lang genau das zu sehen, was der Titel verspricht, eine Seite des Materials, die im narrativen Film sonst eher transparent bleibt oder, wenn überhaupt, als Störung wahrgenommen wird: Perforationslöcher, Kratzer, Schmutzspuren. Die Heins beklebten ihren Filmstreifen 1968 mit allerlei Müllresten, von Filmschnipseln bis zu Zigarettenasche (Rohfilm). Ziel dieser Filmemacher war es u.a., darauf hinzuweisen, dass Film mehr ist als Geschichten, dass sein Material selbst Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung sein kann. Dabei wurden diese Filme durchaus auch politisch verstanden, als Verweigerung gegenüber der herrschenden Ideologie des Erzählkinos.

Aber die Materialbearbeitungen funktionierten auch jenseits einer reinen Verweigerungshaltung. So beklebte Stan Brakhage einen Filmstreifen mit Mottenflügeln und erweckte die toten Tiere so im Licht der Projektorlampe zu neuem Leben in einem wilden, zuckenden Tanz (Mothlight). Der Filmkünstler Thorsten Fleisch experimentiert auch heute noch mit der gezielten Bearbeitung des Materials, das teilweise in einem unglaublichen Rausch von Farben und Formen aufgeht. Denn allen Materialfilmen gemein ist, dass die Bearbeitung des Materials nie nur eine Verweigerung dem Bild gegenüber sein kann, da sie immer auch in neuen Bildern resultiert. Wie lange das allerdings noch möglich bleibt, ist fraglich. Denn mit dem Verschwinden der analogen Filmkultur, die dem digitalen (oberflächenlosen) Bild weicht, können solche Prozesse nur mehr simuliert, nicht mehr aber originär erschaffen werden. Ein Grund mehr, die Filme hier noch mal als 16mm-Kopien vorzuführen!

Das Kurzfilmprogramm findet statt im Zusammenhang mit dem Seminar „Ver-Ortungen. Die Oberflächen des Films zwischen Zelluloid und Display“ von Florian Krautkrämer. Titel sind u.a.
Mothlight (Stan Brakhage, USA 1963)
Film in which there appear Ede Lettering, Sprocket Holes, Dirt Particles, Etc. (George Landow, USA 1966)
Rohfilm (B+W Hein, D 1968)
Gently Down the Stream (Su Friedrich, USA 1980)
Kosmos (Thorsten Fleisch, D 2004)

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>